Berlin : Schweinische Ödnis

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Das Internet ist nörgelig, hundsgemein und fortschrittsfeindlich. Deshalb schalten chinesische Potentaten und saudische Sittenwächter es gerne mal ab. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un fand seine Internet-Wahl zum „Sexiest Man Alive“ auch nicht wirklich charmant. BERlins Regierender Wowereit würde Unterstellungen wie „Partylöwe“ oder „Bruchpilot“ gerne ein für alle Mal aus der Blogosphäre eliminieren lassen, aber er fügt sich als guter Katholik in Demut und erträgt, was doch nicht zu ändern ist.

An dieser Stelle wenden wir unseren Blick nach Oberschöneweide, Berlins Elektropolis von Weltrang, damals in den goldenen Zwanzigern. Die DDR mühte sich über 40 Jahre lang, das Industrieareal an der Oberspree in den Ruin zu wirtschaften. Nach der Wende blieben vom alten AEG-Glanz nur noch bröckelnde Backsteinhallen übrig. Findige Beobachter versetzten ein paar Buchstaben und erfanden einen neuen Kosenamen: Oberschweineöde.

Nun kommt Thomas Niemeyer ins Spiel, „Regionalmanager“ von Oberschweineöde. Niemeyer soll Investoren in die leeren Hallen locken, was echt nicht einfach ist. Investoren sind scheu wie Rehe und wittern überall Trittfallen und Hinterhalte. Und sie surfen im Internet, wobei sie unweigerlich über den Wikipedia-Beitrag Oberschöneweide, Rubrik „Sonstiges“, stolpern: „Der Ort wird mitunter als Oberschweineöde verballhornt.“

Bei so viel Schwein und Ödnis bekommen die Rehe natürlich Angst. Ganz schlecht für das weltweite Image, dachte Thomas Niemeyer und loggte sich in die weltweite Schwarmintelligenz ein. Jeder darf ein bisschen mitschreiben bei Wikipedia, nur das Wegstreichen wird nicht gerne gesehen. „Wir haben mehrmals versucht, das (Oberschweineöde – die Red.) zu ändern, das hat man aber immer wieder rückgängig gemacht“, sagte Niemeyer dem Regionalblatt „Berliner Woche“. Vielleicht ließe sich ja ein Kompromiss finden: Schnödeoderweibe. Oder: Schoberwödewei?

Quatsch, bringt nichts. Das Internet ist rechthaberisch, fortschrittsfeindlich und antikapitalistisch. Sofort abschalten, den öden Schweinkram!

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