Berlin : Schweinsfilet statt Schnitzeljagd

Holger Stark

Innensenator Eckart Werthebach saß im Palais am Funkturm, entspannte sich vom Landesparteitag seiner CDU und sinnierte über das Feiern an und für sich. Natürlich hat es Berlin schwer, sich gegen die Karnevalsstimmung am Rhein zu behaupten. Niemand weiß das besser als Werthebach, der die vergangenen 20 Jahre im Bonner Innenministerium und anschließend als Verfassungsschutzchef in Köln verbracht hat. Und die nicht gerade als offen und fröhlich verschrieenen Verfassungsschützer wissen Werthebach zufolge ausgezeichnet zu feiern, mit Auftritten der Bläck Fööss und manchmal sogar einer Schnitzeljagd. "Ball der Gedötschte" nennen die Verfassungsschützer ihr Frühjahrsfest am Rhein, was so viel heißt wie: Ball der Verrückten.

Erstaunlich humorvoll, diese Geheimdienstler. Da hat es Berlin natürlich schwer. Die Polizisten mühten sich am Sonnabend beim Ball der Deutschen Polizeigewerkschaft also nach Kräften, es ihrem obersten Dienstherren Werthebach Recht zu machen und mit der rheinischen Konkurrenz gleich zu ziehen. Statt Schnitzeljagd gab es Schweinsfilet, statt der Bläck Fööss sang Mary Roos und auf dem Parkett im Palais am Funkturm war es ungefähr so gedrängt wie in einem Polizeieinsatzwagen am 1. Mai. Pah, Köln! Völlig unnötig, was der Altberliner Eberhard Diepgen der ausverkauften Veranstaltung noch per Grußwort als zusätzliche Motivation auf den Weg gegeben hatte: "Was dem Rheinländer der Karneval, ist dem Berliner die Ballsaison."

Diepgen war gar nicht da und konnte folgerichtig auch nicht beobachten, wie die 2000 Berliner Polizisten den Ball in einen glanz- und tanzvollen Abend verwandelten, Grußwort hin, Karneval her. Der jugendliche Elan der Schutzleute riss auch Feuerwehrchef Albrecht Broemme vom Stuhl, der zum ersten Mal Gast des Berliner Polizeiballs am Funkturm war. Broemme tanzte lange und ausgiebig und danach war die Erinnerung an die Party zu Silvester, die für die Feuerwehr weniger lustig verlief, aus allen Poren geschwitzt.

An einem entspannten Abend wie diesem verstanden sich sogar alte Rivalen ausgesprochen gut. Otto Dreksler, der zu Unrecht so böse als Scientologe verleumdete ehemalige Leiter des Lagezentrums, wechselte lachend einige Worte mit Polizeipräsident Hagen Saberschinsky und Werthebach. Während Saberschinsky seine Lebensgefährtin als Beistand an seiner Seite wusste, hatte Dreksler seinen Anwalt Johann Schmid-Drachmann in der Nähe - völlig unnötig: die Unterhaltung verlief ausgesprochen freundlich. Schmid-Drachmann, der Werthebach 35 000 Mark Schmerzensgeld für seinen Mandanten abgetrotzt hatte, konnte also problemlos seine Walzerkünste verfeinern gehen.

Der Ball genießt einen so guten Ruf, dass der Sicherheitsbeauftragte der jüdischen Einrichtungen, Yitzhak Lifshitz, eigens seine Feier zum 50. Geburtstag unter den Funkturm verlegte; seine angereiste Verwandtschaft erhielt einen Ehrentisch. Im Gefolge von Werthebach war zudem die halbe Innenverwaltung vertreten, Lutz-Rüdiger Voß beispielsweise, der wochentags die Polizei beaufsichtigt, oder Rüdiger Jakesch, Werthebachs neuer Staatssekretär. Lediglich Mathilde Koller, die zweite Staatssekretärin, hatte dem Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rolf Taßler, kurzfristig absagen müssen. Koller, die aus der Sächsischen Staatskanzlei nach Berlin wechselte, musste dringend ihren Umzug von Dresden nach Berlin regeln. Schade eigentlich. Schließlich war Koller auch lange im Kölner Verfassungsschutz tätig. Da wäre der Berliner Ball vielleicht noch ein bißchen "gedötschter" ausgefallen.

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