Berlin : Schweiß-Rot-Gold

Es war ein heißes Viertelfinale: 35 Grad im Schatten und hundertausende Fans kochten auf der Fanmeile und vor Bildschirmen in der ganzen Stadt. Nach dem 4:0-Sieg begann die lange Party-Nacht

J. Hasselmann[C. Spangenberg],M. Hubschmid[C. Spangenberg],C. Tretbar

Der Jubel grenzenlos, die Hitze egal – selbst extreme Temperaturen von bis zu 35 Grad Celsius auf der Fanmeile und an vielen Partyorten in der Stadt nahmen den hundertausenden Fans kein bisschen Begeisterung. Wahnsinn, schon wieder ein hoher Sieg! Da gab es nach dem Abpfiff des Viertelfinalspiels der deutschen Elf gegen Argentinien kein Halten mehr. Zehntausende tanzten und sangen, hüpften und grölten auf der Fanmeile im Tiergarten gleich weiter, andere zogen in Scharen zum Ku’damm oder zur Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg, wo sie bis zum späten Abend den Asphalt zum Dance Floor verwandelten. Hunderte Autos rollten unterdessen hupend im Korso über die Lietzenburger Straße, die Kantstraße und den oberen Ku’damm.

Schon während der Schlussminuten des Spiels machten sich erste Deutschland-Fans auf den Weg zum Ku'damm. Die Tauentzienstraße und den unteren Kurfürstendamm hatte die Polizei für Autos wieder gesperrt. Das Ganze wird ja inzwischen schon zur Partyroutine. Und auch dieses Mal waren wieder viele Jugendliche aus Einwandererfamilien bei der Feierei ganz vorn dabei. Auf dem Breitscheidplatz mischten sich die Fans unter das Publikum des „Berliner Drehorgelfests". Die Vuvuzela übertönte den Leierkasten.

Am Ku'damm/Ecke Leibnizstraße stand ein zerbeulter Suzuki Swift. Schwarz-Rot-Gold lackiert, mit dem Spruch verziert: „ Don't Cry For Me Argentina“. Neun Leute, alle um die 20, haben die Rostlaube für 50 Euro extra für die WM gekauft – um auf der Partymeile auf der Motorhaube und dem Dach herum zu springen und zu tanzen.

Superstimmung auch am neuen Fantreff in Prenzlauer Berg. Am U-Bahnhof Eberswalder Straße an der Schönhauser Allee tobte eine Mega-Party mit Trommeln und Böllern. Da musste auch die BVG stoppen. Alle Straßenbahnlinien Richtung Pankow waren unterbrochen, auf den Displays der Haltstellen leuchtete die Nachricht auf: ,,Feiernde Fans am U-Bahnhof Eberswalder Straße." Eine kleine Keilerei unter einem halben Dutzend alkoholisierter Fans löste die Polizei kurzerhand auf. „Wir wollen Deutschland feiern, keine Prügelei“, sangen daraufhin anderen Fans zur Melodie von „Brown Girl In The Ring“

Und so sah die Szenerie aus, bevor die lange Partynacht begann. Punkt 16 Uhr wurde Berlin in weiten Teilen still. Unter einer sengenden Sonne glühende Inseln lärmender Fans, umgeben von der fast ausgestorbenen Stadtwüste – Berlin kochte. Und das Tor in der dritten Minute gab dann den Startschuss zum sommerlichen Fußballfest mit brausendem Jubel an der Fanmeile im Tiergarten und vor den Bildschirmen der Public-Viewing-Oasen. So ging es weiter bis zum Siegestaumel.

Die Fanmeile hatte sich diesmal schleppender als bei früheren Spielen gefüllt. Vermutlich wegen der Hitze. Mit etwas mehr als 300 000 Fans pilgerten weniger hin als beim Spiel gegen England. Dennoch mussten bei Spielbeginn einige Eingänge geschlossen werden. Zehn Schornsteinfegerinnen, die aus Nordrhein-Westfalen zur Fanmeile angereist waren, kamen alle in voller Berufskleidung, um den Jungs Glück zu bringen. Bei Windstille und Hitze rührten nur die hin und hergeschwenkten schweiß-rot-goldenen Fahnen die heiße Luft auf. Abkühlung verschafften die Veranstalter den Besuchern mit einer Riesendusche: Ein über den Köpfen hängendes Rohr, aus dem es auf die heißen Körper spritzte. Dennoch mussten Feuerwehr und private Rettungsdienste 180 Mal schwächelnden Fans Erste Hilfe leisten.

Mancher freie Oberkörper wechselte im Laufe der Nachmittagsstunden von käsigem Weiß zu bedenklichem Rosa und Knallrot. Die weniger Sonnenliebenden dagegen warteten bis kurz vor dem Anpfiff unter Bäumen. Schlachtenbummler der Maradona-Truppe sah man selten. Gut möglich, dass sie sich nicht outen wollten oder an anderen Orten guckten.

Auch anderswo in der Stadt bestimmte der Fußball das Treiben auf den Straßen und Plätzen. Am Boxhagener Platz beantworteten die Fans die deutschen Tore mit einem Böllerkonzert. Viele Anwohner hatten Stühle aus den Häusern getragen, um vor den Kneipen mitzuschauen. Das Quartier von „11 Freunde“, Zitty und Tagesspiegel im Astra-Kulturhaus in der Revaler Straße musste bereits um 15.30 Uhr die Tore schließen, davor wartete noch eine 50 Meter langen Schlange.

Auch hier stürzten die meisten Fans nach dem Abpfiff hinaus zu den großen Open-Air-Partys. Und die Polizei war guter Laune. „Überall ging es heiter und entspannt zu“, sagte ein Polizeisprecher am späten Abend.

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