Berlin : Schweizer Botschafterpaar: Shawnegate

Guido Egli

Am Tag, als die Schweizer Boulevardpresse zum Angriff auf die Botschaftergattin Shawne Fielding blies, hatte der kleine Kiosk auf dem Platz vor dem Bundeshaus, dem Sitz der Schweizer Regierung, bald schon Nachschubprobleme. "Shawne Fielding macht Schweizer Botschaft lächerlich" hatte der "Blick", das helvetische Pendant zur Bild-Zeitung, verkündet. Sekretärinnen aus allen Ministerien waren darauf in höherem Auftrag zum Zeitschriftenladen gepilgert, um die neueste "Max" mit den "Skandal-Bildern" zu erstehen. Weil sich nicht nur Politiker für die undiplomatischen Fotos der Diplomatengattin interessierten, war die Glamour-Postille bald landesweit vergriffen.

Die blonde Texanerin an der Seite des bleichen Botschafters hat das dicke Alpenblut mal wieder in Wallung gebracht. Seit Ende letzter Woche stellt jeder Fernsehsender und jede Zeitung in der Schweiz täglich die Frage: Darf die das? Darf eine Ex-Miss-Texas im roten Mini und mit weißer Perücke vor wehender Schweizer Flagge auf dem Dach der Botschaft in Berlin posieren? Der "Blick" fand das mehr als unanständig und forderte ultimativ die Versetzung von Thomas Borer nach Kirgisien. Die Berner Tageszeitung "Der Bund" erhob das Geschehene unter dem kalauernden Titel "Shawnegate" in den Rang einer Staatsaffäre. Und gar die honorable "Neue Zürcher Zeitung" mochte nicht abseits stehen und empfahl der "irrenden Frau", sich zu entschuldigen.

Auf Privatsendern diskutierten Politiker und PR-Experten in Talkrunden, ob Fieldings kesse Posen dem Image der Schweiz schaden oder nicht. Vertreter aller Parteien ließen sich vor laufenden Kameras zu dem brisanten Thema befragen, wobei die Präsidenten der rechtsbürgerlichen SVP und der christlichen CVP entrüstet fest hielten, dass "die Grenze nun endgültig überschritten" sei. Die Dame, unlängst erst für ihren öffentlichen Flirt mit dem Scorpions-Sänger Klaus Meine gerügt, müsse endlich zur Räson gebracht werden.

Doch Shawne, in Berlin das beliebteste Partygirl, hat auch im Alpenland Freunde. Eine Ted-Umfrage des Privatsenders Tele 24 ergab, dass 84 Prozent der Befragten ihrem extravaganten Treiben positiv gegenüber stehen. Ohnehin scheint die mediale und politische Aufregung an Volkes Seele vorbei zu gehen. Die Leserbriefspalten der Zeitungen sind gefüllt mit Fielding-Fanpost. In einem Land, das abgesehen vom hüpfenden Gartenzwerg DJ Bobo und dem Tennisbackfisch Martina Hingis kaum über internationale Prominenz verfügt, füllt Shawne Fielding durchaus eine Marktlücke.

In der "Berner Zeitung" wurde die Fielding denn auch kurzerhand zur eigentlichen Botschafterin der Schweiz in Deutschland erklärt, welche das Land "mühe- und kostenlos vom Image des altbackenen weltabgewandten Hinterwäldlertums" befreie. Das Blatt weiter: Erst wenn die Botschafterfrau sich nackt räkelnd auf der Rütli-Wiese - der Sage nach Gründungsort der Schweiz - für den Playboy ablichten lasse, hätte das eidgenössische Außenministerium wirklich Grund zur Klage. Und die "SonntagsZeitung" stellte die Frage, ob Fieldings Publicity-Auftritte nicht viel effizienter seien, als die Aktivitäten der staatlichen PR-Organisation "Präsenz Schweiz", die in New York für ein Millionenbudget das weltgrößte Fondue köcheln und einen Schokoladebrunnen errichten will.

Sinnbildlich für die Reaktion der Eidgenossen steht jene ältere Dame, der eine Videojournalistin während einer Straßenumfrage eine "Max" zur Begutachtung unter die Nase hielt. Die Bilder interessierten die Dame wenig, dafür echauffierte sie sich ob eines unschweizerischen Wortes in der Max-Überschrift "Cowgirl von der Alm". "Was soll das sein, eine Alm?", fragte sie, "so sagen vielleicht die Deutschen, aber bei uns ist das immer noch eine Alp!"

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