Berlin : Schwere Körperverletzung: Aufgesetzte Gaswaffe zerstörte das Augenlicht

Peter Murakami

Guido W. ist eher schmächtig. Mit seiner großen Hornbrille wirkt der 36-jährige Betreiber einer Hähnchenbraterei unscheinbar. Handelte er in Notwehr, als er einem 50-Jährigen im Dezember vergangenen Jahres mit aufgesetzter Gaspistole ins Gesicht schoss?

Seit Montag muss sich Guido W. wegen schwerer Körperverletzung vor dem Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht nicht von Notwehr aus, sondern glaubt, dass Guido W. genau wusste, was er damit anrichtete, als er am 3. Dezember auf sein Opfer feuerte.

Dem folgenreichen Schuss war nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft eine Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern vorausgegangen. Guido W. lebte damals gemeinsam mit einem Kollegen in einer untervermieteten Wohnung in der Wöhlertstraße im Bezirk Mitte. Weil die Wohnung zuvor aufwendig renoviert worden war, hatte der verreiste Wohnungsinhaber den 50-jährigen Malermeister, der im Haus ein Büro unterhielt, damit beauftragt, gelegentlich in der Wohnung nach dem Rechten zu sehen.

"Als ich in die Wohnung kam, dachte ich, mich trifft der Schlag. Überall lagen die fettverdreckten Sachen herum", sagte der Malermeister gestern vor Gericht. Als er den Angeklagten darauf ansprach, habe der ihn einfach ignoriert. Daraufhin habe er ihm eine Ohrfeige verpasst und ihn aus der Wohnung gejagt.

Zunächst sei Guido W. auch gegangen, aber nach einer Weile sei er unter dem Vorwand zurückgekehrt, eine Tasche holen zu wollen. Plötzlich habe er eine Gaspistole gezogen und zweimal nach ihm geschossen. Beim zweiten Schuss habe er die Gaswaffe direkt am Auge angesetzt. Der selbstständige Maler und Lackierer ist seit dem Vorfall auf dem linken Auge blind und auf Sozialhilfe angewiesen. Der als Zeuge gehörte Facharzt sagte, dass durch den Schuss nicht nur vier Gramm Ruß-und Schmauchpartikel ins Auge eingedrungen seien, sondern durch den Gasdruck auch die Augenhöhle und andere Knochenteile verletzt wurden. Außerdem war das Augenlid eingerissen und musste genäht werden. Angesichts der schweren Verletzungen wird das Opfer auf einem Auge nie mehr sehen können.

Immer wieder kommt es in Berlin zu schweren Verletzungen durch Gasrevolver oder Pistolen. Ob bei Raubüberfällen auf Banken und Sparkassen oder bei Straßenraubdelikten: die Gaswaffen spielen eine immer größere Rolle bei Gewalttaten. Kaum ein Tag, ohne dass im Polizeibericht nicht mindestens eine mit einer Gaswaffe durchgeführte Straftat aufgeführt ist. Zum einen sind Gas- und Schreckschusswaffen von echten Pistolen auch aus der Nähe kaum zu unterscheiden, zum anderen durchdringt der Druck aus der Mündung einer Gaswaffe problemlos weiches Gewebe. Ein auf den Kopf aufgesetzter Schuss vermag sogar mit seinem Druckstrahl, der unter Umständen wie ein Geschoss wirkt, den Schädel zu durchschlagen. Zuletzt kam im November ein 21-jähriger Mann ums Leben, nachdem ihm ein 26 Jahre alter Bekannter eine Gasdruckwaffe an den Hals gehalten und abgedrückt hatte. Das Opfer verblutete mit zerfetzter Halsschlagader.

Das Urteil gegen Guido W. wird am Montag nächster Woche erwartet.

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