Berlin : Schweres Gedenken

Gestern wurde an die Pogrome von 1938 erinnert Zeitzeugen kritisierten Demo der Republikaner

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Fast 66 Jahre ist es her, dass Werner Max Finkelstein vor dem nationalsozialistischen Terror aus Deutschland erst nach Schweden und dann nach Südamerika flüchtete. Am Dienstagmorgen stand der 79jährige Jude, der lange in Argentinien als Journalist gearbeitet hat und vor fünf Jahren nach Berlin zurückgekehrt ist, wieder in der Straße Siegmunds Hof in Tiergarten, in der damals sein Wohnhaus, seine Schule und die Synagoge standen. Heute erinnern daran nur noch eine Schrifttafel und ein Denkmal in Form des traditionellen siebenarmigen Leuchters.

Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde, Bezirkspolitikern wie Bürgermeister Joachim Zeller (CDU) und einer Schülergruppe aus dem nahe gelegenen Menzel-Gymnasium gedachte Werner Max Finkelstein der Verwandten, Freunde und ungezählten Unbekannten, die bei den antijüdischen Pogromen am 9. November 1938 und in der Folgezeit vertrieben, deportiert und ermordet wurden. Ähnliche Veranstaltungen gab es gestern den ganzen Tag über an verschiedenen Gedenkorten der Stadt.

„Ich wünsche mir, dass junge Menschen lernen, dass Hitler nicht nur die Juden vernichtet hat, sondern auch Millionen anderer Bürger“, sagt Finkelstein. Der Erfolg der NPD und anderer Neonazi-Gruppen mache ihm Sorgen. Dass die rechtsextremen Republikaner mit gerichtlichem Segen einen Kranz „für die Opfer von Terror und Gewalt“ an der Putlitzbrücke niederlegen dürfen, empfindet Finkelstein als Verhöhnung der Opfer: „Diese Richter sind auf dem rechten Auge blind – das erinnert mich an die furchtbaren Juristen, die Hitler hoffähig machten.“ Aber die Schüler, die Gedichte zum 9. November vortragen, machen ihm Hoffnung, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, sagt er.

Nach den Gedenkfeiern an mehreren Orten in Tiergarten läuft Finkelstein mit dem auf einige hundert Teilnehmer angewachsenen Gedenkmarsch zur Putlitzbrücke, wo ein Denkmal an die Deportation in die KZs erinnert, die auf den Gleisen unterhalb der Brücke begann. Den Kranz der Republikaner, der am Fuß der Brücke im Regen liegt, ignorieren die meisten. lvt

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