Berlin : Schwester Katharina

Zum achten Mal wurden in der Kirche zum Heiligen Kreuz Kunstwerke versteigert. Mit dem Erlös aus den gespendeten Bildern sollen soziale Projekte unterstützt werden

Constance Frey

Als die magische Zahl 1000 aufgerufen wird, geht ein Raunen durch die Kirche. Spontan klatschen die 300 Besucher Beifall, man hört Jubelrufe. Die Stimme von Auktionator Detlef Gosselck überschlägt sich. „1000 Euro!“ Die Auktion in der Kirche zum Heiligen Kreuz ist deutlich etwas anders als herkömmliche Versteigerungen. Bereits zum achten Mal werden an diesem Sonntag gestiftete Kunstwerke versteigert, um mit dem Erlös Sozialprojekte mit Ausländern in Berlin und Brandenburg zu finanzieren. Doch bei dem 1000-Euro-Bild geht es auch um Kunstliebhaberei: Der Posten 3 ist eine Radierung von Käthe Kollwitz, „Stehende Mutter, ihr Büblein fütternd“. Und die will Schirmherrin Katharina Thalbach unbedingt haben.

Aber sie ist nicht allein. Die Bieterschilder zucken in die Luft, bei 1000 Euro bleiben nur die Thalbach und die Bieterin mit der Nummer 25 übrig. Und die ist hartnäckig. Da hilft es nicht, aufzuspringen und beharrlich die Karte hochzuhalten: Katharina Thalbach, die in einer Art Nonnentracht erschienen ist, unterliegt bei 1520 Euro. Das ist Ulla Peitz – der Nummer 25 – regelrecht unangenehm. „Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, sie wollte das Bild doch so gerne.“ Aber Katharina Thalbach kann sich bald darauf mit einer Pastellkreide von Kani Alavi trösten. Und schließlich geht es ja um den guten Zweck.

Ulla Peitz kommt schon seit einigen Jahren zu den Auktionen. „Die soziale Arbeit wird von staatlicher Seite stiefmütterlich behandelt. Da ist jeder willkommen.“ Sie selbst engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit und hält die Teilnahme an der Auktion für eine gute Möglichkeit zu helfen. Das sieht Sigmund Hahn ebenfalls so. Seit der ersten Auktion spendet der Künstler Bilder. „Diese Aktion erhält Arbeitsplätze.“ Sein Holzschnitt und sein Aquarell gehen diesmal für 200 und 410 Euro über den Tisch.

Auch Taye Teferra fiebert mit. Der Geschäftsführer des Oromo Horn von Afrika Zentrums arbeitet im Organisationsteam der Auktion mit. Ein Teil des Erlöses kommt seinem Projekt in Polizeischulen zugute. Der gebürtige Äthiopier hält einmal im Monat vor angehenden Polizisten Vorträge über Afrikaner. „Die Polizisten wissen inzwischen, dass die Schwarzen, die in der Hasenheide oder am Hermannplatz stehen, nicht alle Dealer sind.“ Er geht auch in Schulen und unterhält sich mit den Kindern über sein Heimatland. „Die Schüler sind oft besser informiert als ihre Lehrer.“

Vor allem durch Mundpropaganda wurde die Auktion inzwischen zu einem regelrechten Ereignis. „Es gibt eine Stammkundschaft, die immer wieder Bilder kauft, obwohl sie eigentlich schon genug hat“, weiß Kani Alavi. Er hilft dem Team der evangelischen Kirche beim Sammeln der gespendeten Werke. „Ich bin von dem Engagement fasziniert. Deswegen arbeite ich sehr gerne mit, obwohl ich nicht gläubig bin.“

Für eine Veranstaltung, die aus der Not entstanden ist, ein doppelter Erfolg. Hanns Thomä-Venske, Ausländerbeauftragter der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und Organisator der Auktion, erzählt von den Anfängen: „Nach der Wende wurden die sozialen Institutionen vor allem im Osten gestrichen. Die staatlichen Subventionen für die Weiterführung dieser Arbeit brachen Mitte der neunziger Jahre weg. Wir mussten uns etwas einfallen lassen oder aber ganze Bereiche der Sozialarbeit schließen.“

Im vergangenen Jahr hat die Versteigerung 30000 Euro eingespielt. Johanna Ertel, ehrenamtliche Mitarbeiterin, hoffte diesmal auf mindestens die gleiche Summe. „Das Schwierigste ist immer der Tag davor, wenn die Bilder antransportiert werden.“ 140 Bilder standen im Katalog, eines hatte Auktionator Gosselck noch zusätzlich aus der Tasche gezaubert: eine von ihm selbst gezeichnete Karikatur der Schirmherrin Katharina Thalbach. Sie ging gleich als erste weg – für 100 Euro.

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