Berlin : Schwierige Schüler: Hauptschulen fordern Hilfe

Hunderte Jugendliche werden seit Jahren immer weiter gereicht, weil sie nicht tragbar sind. Schulsenator will mehr Sozialarbeiter

Susanne Vieth-Entus

Manche nennen es „Verschiebebahnhof“, andere „Kreisverkehr“: Ein paar hundert Berliner Jugendliche werden seit Jahren von Hauptschule zu Hauptschule verwiesen, ohne dass ihnen damit geholfen würde. Ihr Verhalten ist so inakzeptabel, dass keine Schule es mit ihnen aushält. Christians mutmaßlicher Mörder Ken M. (Name geändert) war einer von ihnen. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) will jetzt erreichen, dass die Schulen mehr Hilfe von außen bekommen, um schwierige Schüler in den Griff zu bekommen.

Und schwierig ist es täglich. Da wird mit Drogen gehandelt, gestohlen und geschlagen. Erst drei Wochen ist es her, dass vier Mädchen an der Weißenseer Heinz-Brandt-Hauptschule eine Mitschülerin derart schlugen und traten, dass die Polizei wegen schwerer Körperverletzung ermitteln musste. „Drei der Mädchen waren von anderen Schulen an uns verwiesen worden“, berichtet Schulleiterin Karla Werkentin.

Werkentin ist sich mit vielen Kollegen darin einig, dass Verweise den wenigsten Schülern weiterhelfen. Wolfgang Lüdtke von der Neuköllner Kepler-Hauptschule schätzt, dass maximal zwei von rund zwölf Schülern, die seine Schule pro Jahr verlassen müssen, von dieser Strafe profitieren. Ansonsten berge ein Verweis die Gefahr, „dass ein Schüler ganz austickt“. Dennoch benötige man dieses letzte Mittel – etwa als Signal an die anderen Schüler, gibt Karla Werkentin zu bedenken. Außerdem brauche man vor manchen Schülern schlicht eine Atempause.

Allerdings ist bei ihr der Verweis die Ausnahme: Dank einer Schulstation und eines Schülerclubs mit je einer Sozialpädagogin kann sie bei schwierigen Schülern frühzeitig intervenieren. Für beide Einrichtungen hat Werkentin mit viel Vehemenz eine Finanzierung gefunden. Das aber reicht ihr noch nicht: Zurzeit ist sie dabei, ein Ganztagsschulkonzept zu entwickeln, damit die Arbeit der Lehrer und Sozialpädagogen besser vernetzt wird.

Auch Uwe Duske von der Zehlendorfer Nikolaus-August-Otto-Hauptschule versucht, ohne Verweise auszukommen. Allerdings gebe es schon Fälle, mit denen Schulen nicht mehr fertig werden könnten. Für diese Fälle wünschte sich Duske eine spezielle Einrichtung, wo Lehrer und Psychologen Hand in Hand arbeiten.

Eine solche Einrichtung ist das Schultz-Hencke-Haus in Zehlendorf. Hier werden Jugendliche ab zwölf Jahren aufgenommen, die starke psychische Probleme haben, unter Umständen auch schon straffällig geworden sind. In kleinen Gruppen mit festen Bezugspersonen werden sie ganztätig unterrichtet und betreut. „Wir haben vielen Jugendlichen den Weg in den Knast erspart“, sagt Ulrich Spura, der dort als Psychologe arbeitet. Auch Fälle wie Ken M. seien darunter gewesen: Jungen, bei denen sich die Abwesenheit der Väter „extrem negativ auswirkt, weil ihnen das Vorbild fehlt“.

Das Schultz-Hencke-Haus bietet mit seinen Filialen rund 100 Plätze – nicht genug für alle schwierigen Fälle. Aber Böger setzt darauf, dass die Hauptschulen künftig leichter auf Sozialarbeiter von freien Trägern zurückgreifen können. Einen entsprechenden Kooperationsvertrag mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband gibt es schon. Jetzt muss noch der Hauptausschuss das Budget aufstocken, aus dem diese Hilfen bezahlt werden. Möglicherweise ist er dazu bereit – mit Blick auf die grausame Tat von Zehlendorf und darauf, dass in der Vergangenheit rund 100 Millionen Euro bei den Erziehungshilfen gestrichen wurden.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben