Berlin : Schwierige Verhältnisse

Viele Geschwister, keinen Vater, eine hilflose Mutter: Wie die beiden Kinder aufwachsen, die am Montag einen Frisörladen ausrauben wollten

Sandra Dassler

Die Sonne und das Maigrün der hohen Bäume lassen die Hochhäuser in der Reinickendorfer Titiseestraße fast idyllisch erscheinen. „Ballspielen verboten“ steht an jedem Eingang – auch am Haus, in dem Jens H. (Name geändert) wohnt. Am Montag dieser Woche wurde der Zwölfjährige gemeinsam mit dem 13-jährigen Enrico S. (Name geändert) beim Einbruch in ein Frisörgeschäft ertappt. Die Jungen fielen der Polizei nicht zum ersten Mal auf. Beide haben bereits so etwas wie eine „kriminelle Karriere“ hinter sich (der Tagesspiegel berichtete). Und beide kommen aus ähnlichen Verhältnissen: Ihre Mütter leben von Sozialhilfe und sorgen allein für jeweils vier Kinder.

„Ich habe schon so oft mit meinem Sohn geredet“, beteuert die Mutter von Jens. Als die Polizei mitten in der Nacht klingelte und sie bat, ihren Sohn vom Revier abzuholen, musste sie eine Aufsichtsperson für ihre vierjährige Tochter suchen und die Freundin aus dem Schlaf reißen – „ich habe doch kein Auto“. Seither hat sich die hagere Frau in ihrer Wohnung verkrochen. „Ständig kommen Fotografen, vom Jens haben sie in einer Zeitung sogar ein Bild gebracht“, klagt sie zwischen hastigen Zigarettenzügen. „Der Junge hat unseren Umzug von Tegel vor fünf Jahren nicht verkraftet. Hier ist er in schlechte Gesellschaft geraten.“ Ein Kamerateam rückt an, die Mutter flüchtet zurück in ihre Wohnung. Das Team befragt die Klassenkameraden von Jens vor der Tür. Bereitwillig geben sie Auskunft: „Unsere Lehrerin hat gesagt, ihr tut der Jens leid. Sein Vater ist nicht mehr da und überhaupt…“ Der elfjährige David verkündet mit kindlichem Ernst: „Das sind eben schwierige Verhältnisse.“

Einige Häuser weiter sitzt Enricos Mutter in ihrer Wohnung und weint. Das berichtet jedenfalls eine Nachbarin, die bis vor kurzem gut befreundet mit ihr war. „Sie hat Angst, dass ihr jetzt das Sorgerecht für den Jungen entzogen wird“, sagt sie. „Wir haben alle die Entwicklung von Enrico verfolgt und versucht, zu helfen. Die Mutter braucht dringend Unterstützung, sie ist einfach überfordert. Aber offenbar hat nicht mal der Betreuer vom Jugendamt etwas ausrichten können.“

Neben der Nachbarin steht Enricos ältere Schwester. Sie hat gerade ein Baby bekommen und ist sauer „auf all’ die Leute, die jetzt über Enrico schreiben, obwohl es hier doch viel schlimmere Typen gibt“. „Das stimmt“, bestätigt die Nachbarin. „Früher konnte man hier gut leben, aber jetzt haben sich die Verhältnisse total verändert. Ich habe Angst, allein mit den Kindern zum Spielplatz zu gehen. In der Nacht können wir kein Fenster öffnen. Unten ist ein Imbiss – da gibt es immer Streit und sogar Morddrohungen.“ Eine junge Frau, die unter Enricos Familie wohnt, bestätigt das. „Wir haben den Umzug hierher bitter bereut. Auch wegen Enrico. Er hat unsere Schuhe in den Müllschlucker geworfen, wir wurden vom Balkon mit Gläsern beschmissen, ich trug Schnittverletzungen davon. Aber das hat die Familie alles nicht interessiert. Und die Polizei, die wir wegen des nächtlichen Lärms riefen, auch nicht.“

Ihre Kinder hätten Angst vor Enrico, sagt die Frau. „Er war bisher nie gewalttätig“ verteidigt die Nachbarin den Jungen. Dass man Enricos Mutter das Sorgerecht entziehen könnte, findet sie traurig, weil „die ein liebevolles Verhältnis zueinander haben“. Aber „vielleicht ist es die einzige Chance“, sagt sie dann. Enricos großer Bruder sei schließlich schon einmal im Gefängnis gelandet.

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