Schwieriger Umzug : Mission impossible - Wohnungssuche in Kreuzberg

Ein Mann sucht eine Wohnung, in Kreuzberg, seit einem Jahr. Er trifft: Betrüger und Sexappeal. Geschichten einer Odyssee.

von
Illustration: Andree Volkmann

Eigentlich geht es doch nur um einen Umzug. Da höre ich schon wieder die Praktiker rufen: Das hat man doch bei straffer Planung in zwei Monaten über die Bühne gebracht! Abgebrühte Zeitgenossen, deren Blick nicht über die eigenen vier Wände hinausgeht, mögen so etwas sagen. Denen ist es egal, ob sie in Wedding oder Wilmersdorf wohnen. Mir nicht. Für mich liegt das emotionale Zentrum Berlins in Kreuzberg.

Weil Kreuzberg für alle offen ist. Bürgerlich und anarchisch zugleich. Weder Ost noch richtig West. Eine Zwischenwelt, sympathisch, ehrlich und echt. Seit zehn Jahren wohne ich hier, und daran soll sich eigentlich auch nichts ändern. Ich suche nur ein zweites Zimmer.

Das aber jetzt schon seit über einem Jahr. Denn in Kreuzberg ist zwar noch nicht, wie in Prenzlauer Berg, die Bevölkerung ausgetauscht, sind die Älteren noch nicht jenseits der Bezirksgrenzen verfrachtet worden. Aber der Bezirk verändert sich.

Bei Zuzüglern war er schon immer beliebt, doch jetzt kommen die, die Geld haben. Die Mieten sind stark gestiegen, vor allem südlich des Kanals, gute Wohnungen werden immer knapper. Ist ja klar, wenn sogar Neukölln gentrifiziert wird, was soll man da erwarten? Kreuzberg war schon immer das bessere Neukölln. Da habe ich auch mal gewohnt, in der Hobrechtstraße, als ich von Nürnberg nach Berlin zog. Der Umzug auf die andere Kanalseite war ein Aufstieg. Jetzt wohne ich in der Naunynstraße. Pures SO36.

Früher galt die Straße ja mal als gefährlich, aber das muss schon eine Weile her sein. Vor meinem Fenster schließt sie mit einem quadratischen, pappelumstandenen Platz ab, auf dem sich häufig Grüppchen türkischer Jungs versammeln, das ist alles. Da ich hier schon so lange wohne, ist die Miete günstig. Und doch muss ich weg. Weil ich nicht mehr in demselben Zimmer arbeiten und schlafen möchte, und weil ich gerne wenigstens ein paar Freunde und Verwandte, die Berlin besuchen, richtig unterbringen möchte.

Also ab ins Internet. Meine Schmerzgrenze liegt bei einer Warmmiete von 500 Euro. Das ist fast doppelt so viel, wie ich jetzt zahle. Früher hätte das locker ausgereicht. Heute bedeutet es eine starke Einschränkung. Da ich zumindest theoretisch auch für andere Bezirke offen bin, erreichen mich täglich lange Listen. Aus Kreuzberg ist so gut wie nie was dabei. Dafür viel aus Staaken, Schöneweide und Siemensstadt. Offenbar ist in meinem Bezirk sogar die letzte Abstellkammer belegt.

Manchmal verirrt sich Kreuzberg doch auf eine der Listen. Wehe, ich komme erst am nächsten Tag dazu, sie zu lesen.

Wenn es nicht gerade um den Mehringplatz geht, ist die Anzeige mit Sicherheit schon deaktiviert. Dann grüßt ein verdruckstes Mädchen, das dem irritierten Besucher ein lächelndes „Oops“ vor die Füße wirft. Sollte das Angebot tatsächlich noch da sein, muss man aufpassen. „Graefestraße“ klingt zwar gut, aber meistens ist damit der untere Teil zwischen Urbanstraße und Hasenheide gemeint, und der ist gar nicht sexy. Und wann begann die Mode, den ganzen Abschnitt am Landwehrkanal als „Maybachufer“ zu bezeichnen? Es muss was mit dem Klang des Namens zu tun haben, der schnittige Motoren deutscher Bauart suggeriert. Kenner aber wissen: Das Maybachufer liegt nicht in Kreuzberg, es liegt in Neukölln, und es ist nur der verschattete, kleine Bruder vom begehrten Paul-Lincke-Ufer.

Ortsunkundige werden auch gerne mit dem Zusatz „Nähe Potsdamer Platz“ gelockt – offenbar ist nicht jedem klar, dass Berlin nirgendwo so zerstört war wie dort, wo die Mauer verlief. Die Stadt funktioniert anders, die zentralsten Gegenden sind oft die uninteressantesten.

Um mich schnell durch die Listen zu arbeiten, habe ich eine Meisterschaft darin entwickelt, Anzeigen schon beim Vorschaubild auszusortieren – und das ist meistens nur daumengroß. Fotos zeigen ja die Schokoladenseite einer Wohnung, aber man muss genau hinschauen. Vermieter in der Skalitzer Straße beherrschen die Kunst, zu kaschieren, dass direkt vor dem Fenster das Hochbahnviadukt der U1 verläuft. Oft sieht man auch Bäume oder Läden vor den Fenstern, was auf ein niedriges Stockwerk, wenn nicht auf Erdgeschoss schließen lässt.

Erdgeschoss geht gar nicht – auch wenn jeder, der dort wohnt, meine volle Bewunderung besitzt. Meine eigene Suche fängt erst im dritten Stock an, Altbau natürlich. Denn die Seele Berlins steckt im Altbau. Man kann ihn anhand der Fenster schnell identifizieren: Sind sie senkrecht oder querliegend? Im letzten Fall wurde das Haus mit Sicherheit erst nach 1918 erbaut. Und fällt damit aus dem Raster.

Wenn die Parameter stimmen, gehe ich zur Besichtigung. Das kann durchaus schon an der Tür scheitern, vor allem, wenn es um eine Kerngegend geht. In der Gneisenaustraße war ein Termin für 16 Uhr angesetzt. Um 15.55 Uhr hing eine Nachricht an der Klingel: „Liebe Interessenten, es tut mir leid, die Wohnung ist schon weg. Jennifer.“ Besichtigungen bringen immer wieder die schlichte Wahrheit an den Tag: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Hat man es bis oben geschafft, quetscht man sich mit 50 anderen Interessierten durch Räume, die man sich eigentlich in Ruhe anschauen sollte: Schließlich will man hier mal wohnen.

Der Schein von Zivilisation und guter Erziehung wird zwar gewahrt, aber letztlich sind alle Konkurrenten, entsprechend lauernd ist der Blick und frostig die Stimmung. Schnappt der mir jetzt meine Traumwohnung weg? Man kennt das ja aus München oder Hamburg, aber wer hätte je gedacht, dass sich auch der einstige Anarcho-Bezirk Kreuzberg in diese Runde gesellen würde?

Jeder hat bei Wohnungsbesichtigungen seine Taktik, um aufzufallen. Frauen scheinen alle feministischen Forderungen, sie nicht auf ihre Sexualität zu reduzieren, zu vergessen. Sie rücken ihre Brüste zurecht und bedrängen den Vermieter mit großen Mädchenaugen: „Bitte, ich suche schon so lange eine Wohnung, das ist genau die, die ich haben wollte, ich brauche sie unbedingt!“ Erstmals konnte ich diesen Typus in der Kreuzbergstraße (oberstes Geschoss, kleiner Balkon, Viktoriapark direkt gegenüber, Pariser Blick über die Dächer, Vormieter zieht mit seiner Partnerin zusammen) beobachten. Seither ist er mir immer wieder begegnet, gerne auch mit Freundin. Hat man es mit einer Vermieterin zu tun, zieht die Nummer nicht, dann wird die Atmosphäre noch biestiger, als sie ohnehin schon ist. Männer sind cooler, die lassen eben mal einfließen, wo sie arbeiten, auch der Bundestag war schon dabei (Der Bundestag! In Kreuzberg!).

Wenn es allerdings darum geht, sich den Stift zu schnappen und den Bewerbungsbogen am schnellsten auszufüllen, nehmen sich Männer und Frauen nicht viel: „Kann ich das heute noch persönlich vorbeibringen?“

Meist genügt ein Zauberwort wie „Dieffenbachstraße“, und die Leute kommen wie die Lemminge. Wenn sich die Wohnung dann als dreckig, unrenoviert und stinkend entpuppt, tappen alle betroffen wieder nach unten.

Renovieren will keiner, schließlich sind wir ja kreative Klasse, keine Handwerker. Alte Herde und klapprige, mit Klebeband notdürftig isolierte Fenster sind keine Seltenheit. Natürlich geht die Miete bei der Neuvermietung trotzdem nach oben. In der Reichenberger Straße habe ich einmal ein Zimmer gesehen, dessen Fenster nicht nach außen ging, sondern ins Treppenhaus. Jeder, der hochkam, konnte reinschauen.

Es waren aber auch erstaunlich schöne Wohnungen darunter. Bei denen man schon im Treppenhaus merkt, dass sie mit Liebe und Sorgfalt saniert wurden. Meistens kann ich sie mir dann nicht leisten. Bei einer, in der Zossener Straße, betrug der Abstand zur Wohnung auf der anderen Hofseite nur drei Meter. „Neapolitanisches Wohnen“, nannte das der Makler. Mir war die Nähe doch ein bisschen zu italienisch, das machte den Abschied leichter. In der Mittenwalder Straße – „ die Vormieterin musste wegen ihres Hundes ausziehen“ – öffnete sich eine Wohnung nach Ost und West. Das hat man selten, es erleichtert das Lüften enorm. Meine derzeitige Wohnung ist auch so angelegt.

Ein lustiger Effekt: Jede Besichtigung macht mir die Vorteile meiner bestehenden Wohnung klarer. Sie ist im Winter warm, weil ringsumher alles vermietet ist. Der Blick geht auf die Straße, was anregend ist, vor allem, wenn man viel zu Hause arbeitet. Die Mieterstruktur ist in Ordnung. Im Altglascontainer liegt tatsächlich Altglas. Meine Nachbarin habe ich endlich soweit, dass sie im Urlaub meine Zeitungen sammelt und ich ihre. Das hat Jahre gedauert.

Vielleicht sollte ich die ganze Sache einfach gelassener sehen. Das Glück hängt ja nicht von der Zahl der Zimmer ab. Als ich der Frau in der Mittenwalder Straße erzählte, dass ich für unter 300 Euro in Kreuzberg lebe, sagte sie nur zwei Worte: „Wohnen bleiben.“

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