Berlin : Schwimmen erst, wenn Geld fließt

Der Leipziger Investor Rainer Löhnitz will das kostspielige Bad im SEZ ganz zuletzt sanieren

Claudia Keller

Wie immer schlägt einem Chlorgeruch entgegen, wenn man die Schwimmhalle des SEZ betritt. Wie immer plätschert Wasser und rauschen die Kaskaden, wie immer stehen grüne Palmen in den Ecken. Und trotzdem dauert es wahrscheinlich noch Jahre, bis hier wieder jemand schwimmen wird. „Erst muss mit den anderen Bereichen das Geld erwirtschaftet werden, damit man sich den Luxus dieser Schwimmhalle irgendwann wieder leisten kann“, sagt Rainer Löhnitz. Er will eine „multifunktionale Sportanlage“ betreiben, bei der das Schwimmbad die „Zusatzleistung“ ist, sozusagen das Tüpfelchen auf dem i. Löhnitz hat in Markkleeberg bei Leipzig das Bad „Poseidon“ saniert. Die Markkleeberger warten seit zwei Jahren darauf, dass das Schwimmbad wieder öffnet.

Der Investor aus Sachsen hat jetzt vom Liegenschaftsfonds des Landes Berlin den Zuschlag für das SEZ bekommen. Mitte Mai muss noch das Abgeordnetenhaus zustimmen, dann ist Löhnitz der neue Herr des Freizeitzentrums. Als erstes will er sich um die Bowlingbahn kümmern. Die könnte vielleicht schon im Spätsommer wieder aufmachen, sagt er. Danach komme der Ballsport- und Fitnessbereich dran, dann werde die Sauna überholt und zu einer Sauna-Landschaft umgebaut – „so was hat Berlin noch nicht gesehen“. Und kommenden Winter sollen im SEZ wieder Schlittschuhläufer ihre Kurven drehen.

Am Donnerstag hatten PDS- und SPD-Politiker des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg zu einem Abend „Das SEZ – eine unendliche Geschichte“ eingeladen. Auch Löhnitz, 40 Jahre, sportlicher Typ mit beigen Cordhosen, kariertem Hemd, war gekommen. Er saß breitbeinig da und schwärmte vom „Pflegen, Anregen, Entschlacken“ in der künftigen Sauna. Als es um die Wiedereröffnung des SEZ-Schwimmbades ging, sprach Löhnitz nüchtern von einem Zeitraum von „drei bis fünf Jahren“. Darauf hin sprang ein Friedrichshainer Familienvater auf und rief wütend in den Saal: „Meine Kinder brauchen keine Thalassotherapie, auch kein Ziegenbutter-Cremebad. Die brauchen ein Schwimmbecken.“

Das Schwimmbad ist der teuerste Bereich des Freizeitzentrums, verteidigt die PDS-Sportpolitikerin Martina Michels ihren Favoriten Löhnitz. Die Heizungs- und Wasserkosten sind enorm, das alte Heizungssystem muss ausgetauscht werden. Dass in den Duschen die Wasserhähne tropfen und an den Kacheln Rostlachen hinterlassen, dass sich auf den Fliesen Ameisen tummeln, weil die Gummiabdichtungen sie nicht mehr abhalten, das sind eher Kleinigkeiten auf der Sanierungsliste.

Das Wasser in den Becken umzuwälzen, kostet den Liegenschaftsfonds täglich viel Geld. Es abzulassen, würde die Statik des Hauses schädigen, sagt Peter Tied vom Liegenschaftsfonds. „Wenn Sie den Palast der Republik abreißen, sinkt der Dom ab“, sagt er, „das Gleiche würde passieren, wenn sie die zig Tausend Tonnen Wasser aus den Becken ablassen.“

Martina Michels, die Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) und Wirtschaftsstadtrat Lorenz Postler können die Aufregung um das geschlossene Bad nicht nachvollziehen. „Hauptsache, das SEZ bleibe als multifunktionale Sportstätte erhalten“, so Michels. Dass Löhnitz sich nicht als erstes an die Sanierung der Becken mache, sei klar gewesen. Und außerdem: Die Interessenten hätten nicht gerade Schlange gestanden.

Es war auf einer Party im November vergangenen Jahres. Da hat Löhnitz vom Verkauf des SEZ erfahren – für ihn „das interessanteste Objekt Europas“. Am Montag darauf hat er beim Liegenschaftsfonds angerufen, Ende Dezember war der Vertrag fertig. „Beim Liegenschaftsfonds hieß es, man suche jemand, der das SEZ als Sport- und Freizeitstätte erhält“, sagt Löhnitz. „Wenn die gesagt hätten, das Schwimmbad habe Vorrang, wäre ich gleich wieder gegangen.“ Wäre nicht Mitte Januar die Hamburger Meridian-Spa-Gruppe als Konkurrent aufgetaucht , dann könnten im SEZ schon wieder die Bowlingkugeln rollen. Vor zwei Wochen haben externe Wirtschaftsprüfer den „Kampf David gegen Goliath“ entschieden, wie Martina Michels die Konkurrenz zwischen Löhnitz und Meridian Spa bezeichnet. Die Unternehmensberater fanden das wirtschaftliche Konzept des Leipzigers überzeugender.

25 Millionen Euro haben die Berliner Bäderbetriebe im vergangenen Jahr für die Sanierung des SEZ veranschlagt. Rainer Löhnitz sagt dazu: „Geld ausgeben kann jeder, denken nicht.“ Seine Lieblingssätze fangen an mit: „Wer ein bisschen Bescheid weiß…“. Wer also ein bisschen Bescheid wisse von Betriebswirtschaft, von Technik und vom Handwerk, dem sei klar, dass die 25 Millionen übertrieben sind. Der wisse zum Beispiel, dass man nicht die alten Ammoniakröhren rausreißen und keine neue Kühlanlage installieren müsse, um die Eisbahn wieder in Betrieb zu nehmen. „Da braucht man Akkus, die kann man sich leihen“ – und mit der Abwärme noch gleich die leere Schwimmhalle über den Winter bringen. Auch beim Personal will Löhnitz sparen. Was bis Dezember mit 120 Leuten lief, gehe auch mit 12 fest Angestellten, „plus vielleicht zehn Pauschalen“. „Multifunktionales Personal“ nennt Löhnitz die künftigen Sauna-Fitness-Bademeister.

Zu dem alten SEZ, dem 27000 Berliner so sehr nachtrauern, dass sie bei einer Bürgerinitiative für seine Erhaltung unterschrieben, gehörten auch ein Restaurant und Cafés. Im „Bistro Wellentreff“ stehen noch vertrocknete Weihnachtsbäumchen. „Wiener mit Brötchen“ gab es hier einmal für 1,50 Euro. Das sind für Löhnitz „Ergänzungsangebote, die man über zwei, drei, vier Jahre aufbaut“. Die Gäste entscheiden über die Schnelligkeit des Aufbaus, sagt Löhnitz. Je schneller sich ein Bereich trage, umso eher werde der nächste saniert.

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