Berlin : Schwimmend schlafen

Wenn das Hotelbett in der Dünung schwankt: Seit kurzem kann man auf der Spree auch übernachten. Lärmempfindlich dürfen die Gäste auf der „Eastern Comfort“ an der Oberbaumbrücke aber nicht sein

Thomas Loy

Berlin liegt seit jeher an der Spree – aber immer häufiger auch mittendrin. Das Dinieren auf Schiffsplanken gehört schon zu den Standards gehobener Ausgehkultur. Hinter der East Side Gallery, unweit der Oberbaumbrücke, kann man seit ein paar Wochen sogar auf der Spree schlafen. In der ersten Klasse oder darunter in der zweiten. 55 Betten gibt es, Bullaugen mit Moskitonetz und kultverdächtige 60erJahre-Schwimmhallentüren mit schwarzen Hartplastik-Quadraten zum Öffnen.

Man betritt die „Eastern Comfort“ über einen gut gesicherten Holzsteg. Die Spreemücken tanzen zur Begrüßung. Schon schlüpft Edgar Schmidt von Groeling, der Kapitän, aus einer der Doppelflügel-Schwimmhallentüren. Er trägt raspelkurze Haare, ein hellbraunes Cordjackett – und viele Sorgenfalten. Es ist das Leid mit den Behörden, das ihm die Stirnfurchen gegraben hat: Gewässerschutzauflagen, Werbeverbote, Fluchtwegeplan. Überall kleben Warnungen. „Wer das Schiff betritt, muss schwimmen können.“ Dabei kann der Kahn mangels Motor nicht mal in See stechen.

Käpt’n Edgar hat den Blues, aber es fehlt ihm noch an innerer Kraft, ihn auch anzunehmen. Die Spree ist eben nicht der Mississippi. An der Lounge-Bar, 2. Oberdeck, gibt es keinen „Southern Comfort“. Überhaupt keinen Südstaaten-Bourbon. Nur Beck’s, Jever, Guiness-Stout und Wein. Edgar sagt, er sei noch nicht sicher, was aus der Lounge werden soll.

Heute läuft eine „International Party“, organisiert von einem gewissen Charles aus Seattle, der auch Englischlehrer und Schriftsteller ist. Das Kennenlernen der Gäste untereinander funktioniere auf einem Schiff besser als an Land, sagt Charles. Wer in der Lounge eine Party macht, muss alle Übernachtungsgäste einladen. Schlafen kann bis Partyende sowieso niemand. Die „Eastern Comfort“ war mal ein Hotelschiff. Jetzt ist es ein „Jugendhotelschiff“.

Wir setzen uns entspannt auf das Promenadendeck. Ein Fahrgastschiff schraubt vorbei und bringt mit seinen Bugwellen den Kahn spürbar ins Schwanken. Ich denke ans Meer, Käpt’n Edgar an die erhöhte Abnutzung von Tauen und Tampen, die das Schiff ans Ufer fesseln. Die Begeisterung für das maritime Wohnen ist ihm nicht wirklich anzumerken. Er wünscht sich einfach viele Backpacker-Touristen aus aller Welt, die seinen Horizont erweitern sollen. Neulich stand ein Artikel über die „Eastern Comfort“ in der Hannoverschen Allgemeinen. Da kamen dann Menschen, die zum Horizonterweitern nicht so geeignet sind.

Unter Berlinern beliebt ist inzwischen das Verschenken einer Traumschiffnacht auf dem Hostel-Kahn. Abiturientin Angie und Koch René sind mit dem Rad von Weißensee hergefahren, weil René gerade Geburtstag hatte. Er sagt, ihm fehle irgendwas auf dem Schiff, es könnte auch in Hamburg oder Amsterdam liegen. Wir gehen in seine Kajüte im Unterdeck. Es gibt zwei Bullaugen, eine Koje, einen Heizkörper, eine Nasszelle. René kann immer noch nicht sagen, was ihm genau fehlt. Wahrscheinlich ist es die Schiffsseele.

Gegen 23 Uhr zieht der letzte Ausflugsdampfer vorbei. Noch einmal Dünung. Danach liegt die „Eastern Comfort“ unbeweglich in der dunklen Spree. In meiner Kajüte in der 1. Klasse gibt es keine Bullaugen, dafür Schiebefenster wie in Eisenbahnwaggons, davor rosa Vorhänge. Die Tür zum Bad ist bananengelb gestrichen. Ansonsten helles Holzfurnier.

Draußen formt sich die Nacht zu einem magisches Kaleidoskop. Das zarte Rotlicht der Oberbaumbrücke, ein Streifen grelles Lila vom westlichen Ufer, dazwischen gelbe Lichterketten, die auf den Wellen Funken schlagen. Vor dem Schattenriss der Stadt explodierende Blitzlichter. Das Sehen wird zur Sucht.

Oben an der Reling stehen die Partygäste und wälzen Thesen über China oder den Nachthimmel. So alle 20 Minuten rollt aus dem Bauch des Schiffes ein dunkles Grummeln, das nach 30 Sekunden wieder erstirbt. Das sind die Abwasserpumpen. Die virtuoseste Lärmkreation liefert die U-Bahn auf ihrem Weg über die Oberbaumbrücke. Das Schleifquietschen in hoher Tonlage wird mit tiefen, schubweise an- und abschwellenden, Uhu-ähnlichen Stöhnlauten unterfüttert. Nur das Wasser verhält sich völlig still. Es ist wie auf dem Campingplatz. Man lauscht der Natur und hört immer nur die Nachbarn.

Das Schiff hat 24 Kajüten, mit einem, zwei oder vier Betten. Die Preise schwanken zwischen 17 und 58 Euro pro Person. Wichtig: Kajüte mit Spreeblick buchen! Telefon. 66 76 38 06. Infos im Internet: www.eastern-comfort.com

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