Schwimmprojekt im FEZ : Flüchtlinge werden zu Rettern

Das FEZ Wuhlheide bildet jetzt Geflüchtete zu Rettungsschwimmern aus. Dabei hilft der Senat – und Olympiastar Yusra Mardini.

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Lustige Truppe. In der alten Heimat waren einige der Syrer schon als Rettungsschwimmer tätig, beim FEZ-Pilotprojekt erwerben sie jetzt die in Deutschland nötigen Zertifikate.
Lustige Truppe. In der alten Heimat waren einige der Syrer schon als Rettungsschwimmer tätig, beim FEZ-Pilotprojekt erwerben sie...Foto: Annette Kögel

Jetzt sitzt der Mann da, breitschultrig und selbstbewusst. „Aber als ich ein kleiner Junge war in Syrien, bin ich immer zu einem See gegangen. Der war 40 Meter tief, und ich habe mich nie hineingetraut, weil ich nicht schwimmen konnte“, erinnert sich Hussein Maher. „Aber ich habe dem See sinnbildlich im Scherz gesagt: Irgendwann komme ich zurück zum Schwimmen, und dann hast du Respekt vor mir!“

Vielleicht sehen sich die beiden ja mal wieder, wenn die Wogen sich weltweit geglättet haben. Hussein Maher kam als Flüchtling nach Berlin. Wie alle sechs Männer und jene Frau, die gerade stolz und konzentriert auf dem Podium im Restaurant „Café Alfons“ sitzen, hinter ihnen die Schwimmhalle des Freizeit- und Erholungszentrums (FEZ), Europas größtem gemeinnützigen Kinder-, Jugend- und Familienzentrum. Sie sind Teil eines Projektes, das vorbildhaft sein soll für den Freizeitbetrieb in Berlin und die Sicherheit von Badegästen. „Rettung in Sicht“ heißt das Ausbildungsprojekt, bei dem sogar Badegäste ehrenamtlich helfen, und welches das FEZ am Mittwoch der Öffentlichkeit präsentierte.

Auf der einen Seite sei das FEZ oft auf der Suche nach neuen kompetenten Rettungsschwimmern, auf der anderen Seite gebe es viele Geflüchtete, die eine sinnvolle Beschäftigung suchten – so kam man auf die Idee zu dem Projekt, sagt Thomas Liljeberg-Markuse, der Geschäftsführer des FEZ in der Wuhlheide. Dann gab es die berlinweite Ausschreibung: angehende Rettungsschwimmer gesucht! Ob die Interessenten schon schwimmen konnten, habe keine Rolle gespielt. Alle sechs Bewerber mussten aber zwei Tests absolvieren: einen Gesundheitscheck und die Prüfung, ob sie auf irgendeine Weise Angst vor dem Wasser oder vor gefährlichen Situationen haben.

„Wir hatten Glück, dass wir unter den Bewerbern auch ein paar Fische dabeihaben“, sagt Badebetriebsleiter René „Charly“ Moegelin. So wie Hasan Ahmad, der bereits ins Syrien als Rettungsschwimmer tätig war. Nur: Er kann kein entsprechendes Dokument vorweisen. Deswegen ist er froh, dass es dieses Projekt gibt. Selbst Ezzat Mohamed Mardini muss im Becken in der Wuhlheide nun wieder mittrainieren, weil seine Ausbildung und frühere Tätigkeit hier nicht anerkannt wird. Mardini hat in Syrien jahrelang die Schwimm-Nationalmannschaft trainiert und ist auch Rettungsschwimmer. Hier ist er jetzt einer der Eleven, die durchs Pilotprojekt „Rettung in Sicht“ hierzulande abgefragte Rettungsschwimmer-Skills lernen und sich parallel in der Sprachenschule Sonnenschein die nötigen Deutschkenntnisse erwerben.

FEZ-Chef Liljeberg-Markuse hofft wie die Teilnehmer, dass ihr Aufenthaltsstatus den Flüchtlingen dann erlaubt zu arbeiten, das FEZ würde mindestens einen aus der Truppe gern einstellen. Zudem will das FEZ ähnliche Ausbildungen und Praktika bieten, etwa in der Technik, in der Gärtnerei, im Veranstaltungsbereich.

Jetzt aber betonen die Wasserratten Ramadan Al Zaher und Ben Helal, dass für sie ein Punkt beim Schwimmprojekt sehr bedeutsam ist: „Wir können dadurch Menschlichkeit zeigen.“ So wie es Yusra Mardini tat, die Tochter von Ezzat Mohamed Mardini, auf die sich alle Kameras richten. Es war Zufall, dass Yusra die Tochter eines der Rettungschwimmschülers ist. Es ist aber kein Zufall, dass sie dem Projekt „Rettung in Sicht“ große Aufmerksamkeit verleiht.

Denn die 18-Jährige machte Schlagzeilen, als sie im Sommer 2015 gemeinsam mit ihrer Schwester Sarah 18 Passagieren ihres Fluchtschlauchbootes das Leben rettete. Die beiden Mädchen waren ins kalte Wasser gesprungen, nachdem der Außenbordmotor ihres Schlauchbootes versagt hatte. Die Schwestern hatten das Boot mehr als drei Stunden und mehr als neun Kilometer lang vom türkischen Izmir bis zur griechischen Insel Lesbos gezogen.

In diesem Jahr wurde Yusra als Schwimmerin des Refugee-Teams bei den Olympischen Spielen in Rio weltbekannt. Und jüngst wählte das „Time Magazine“ sie zu einer der 30 einflussreichsten Teenager weltweit. Und damit steht sie in einer Reihe mit Sasha und Malia Obama, Jaden Smith und Malala Yousafzai.

Jetzt aber steht sie am Beckenrand und zieht ihre Schwimmbrille auf. Sie springt ins Wasser und schwimmt den Männern voran. Die Hände streckt sie raus aus dem Wasser, jetzt wird Beinkraft trainiert. „Ich finde das Projekt großartig, weil ich was für meine Leute bewegen und Flüchtlingen helfen kann“, sagt sie später. „Außerdem kann ich zeigen: Jeder sollte sich nach vorne orientieren und im Leben weitermachen.“ Die Rückkehr in einen Alltag nach Olympia ohne Kameras und Journalisten sei ihr leicht gefallen, sagt die 18-Jährige in perfektem Amerikanisch. Sie hätte sich sogar darauf gefreut. „Jetzt muss ich nur den Mut finden, auf Deutsch zu sprechen und meine Sprachkenntnisse verbessern.“

Miteinander kommunizieren, ob über Sprache, über Blicke, über Gesten, das ist im Miteinander entscheidend. Andreas Germershausen, Berlins Integrations- und Migrationsbeauftragter, betont, dass es mitunter einfache Dinge seien, die dieses Miteinander förderten. Baderegeln in Deutschland zum Beispiel versteht nicht jeder arabischstämmige Mensch, der aus einem anderen Kulturkreis in dieses Land kommt. Somit fördere „Rettung in Sicht“ die Integration, weil diese Regeln nun auch auf andere Weise vermittelt würden – auch in einem Animationsfilm.

Wer in Berliner Schwimmbädern unterwegs ist, dem fällt auf, dass es viele junge, frustrierte Männer gibt, die gern schwimmen würden, es aber nicht können. Es gibt auch viele Kinder, die so gern mit ihrer Schwimmnudel ins große Becken würden, aber vom Pfiff des Bademeisters gestoppt werden. Verständlich. Es wäre für die Kinder im tiefen Wasser viel zu gefährlich. Der Ausweg wäre ein Schwimmkurs. Doch die sind entweder vollständig belegt oder sie sind zu teuer.

Auch deshalb ertranken viele Jugendliche, die die gefährliche Flucht übers Mittelmeer geschafft haben, in Seen und Flüssen in Deutschland. Aber auch im Mittelmeer sind seit Beginn der Fluchtbewegung 2014 mehr als 10 000 Menschen ertrunken. Und das sind nur die Zahlen jener Opfer, die man gefunden hat.

Um zu helfen, geben im FEZ die Rettungschwimmerinnen Antina Zint und Valentina Johim ehrenamtlich Schwimmkurse für Kinder und Jugendliche. Tausende junger Menschen kamen ja ohne Eltern nach Berlin. Dass hier ein großer Bedarf an Schwimmausbildung herrscht, wurde auch am Rande der FEZ-Veranstaltung deutlich. Auf dieses Problem angesprochen, sagte der Integrationsbeauftragte Germershausen, er wolle prüfen, ob Berlin über den Bundesfreiwilligendienst Hilfe leisten könne. Damit der nächste Sommer Badespaß bringen kann.

Für „Rettung in Sicht“ freut sich das FEZ über Geldspenden, über Ehrenamtliche, über Helfer, Interessenten. Bitte eine Mail schreiben an: info@fez-berlin.de

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