Berlin : Schwindende Worte

Dietrich Bonhoeffers Nachlass ist bedroht Staatsbibliothek sucht Spender für Restaurierung

Benjamin Lassiwe

Die transparente Folie wirkt milchig, hält man sie gegen das Licht. Aus welchem Material sie ist, wissen die Restauratoren in der Berliner Staatsbibliothek noch nicht. Dass sie ein Problem in ihren Händen halten, wissen sie schon. Denn gut 2000 Dokumente aus dem bis zu 30 000 Einzelstücke umfassenden Nachlass des Theologen Dietrich Bonhoeffer sind von der transparenten Folie fest umschlossen. „Es gibt Anzeichen dafür, dass die Folie mit dem Papier, auf dem Bonhoeffer geschrieben hatte, chemisch reagiert“, sagt Andreas Mälck, Leiter der Abteilung Bestandspflege und Reprografie der Berliner Staatsbibliothek. Seine Chefin ist zuweilen weniger diplomatisch: Als die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ihre Frühjahrssynode im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek eröffnete, sprach die Direktorin der Bibliothek, Barbara Schneider-Kempf, davon, dass der Zustand des Nachlasses „teilweise besorgniserregend schlecht“ sei. Eine Restaurierung sei dringend erforderlich.

1996 erwarb die Staatsbibliothek den Nachlass von Dietrich Bonhoeffer, der wegen seiner Beteiligung am Widerstand des 20. Juli 1944 Anfang 1945 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, von Bonhoeffers testamentarisch eingesetztem Erben Eberhard Bethge. Der Bonner Theologe hatte sich rührend um die Hinterlassenschaften seines Freundes gekümmert. Alles, was er von und zu Bonhoeffer nur finden konnte, fügte er dem Nachlass hinzu. Besonders wertvolle Stücke, etwa die Briefe aus dem Tegeler Gefängnis oder das Manuskript für Bonhoeffers Ethik, ließ er vermutlich sogar von einer Fachfirma zwischen den mysteriösen Folien sichern. „Wir nehmen an, dass es ein Kunststoff ist, der irgendwie heiß aufgebracht wurde“, sagt Andreas Mälck.

Heute gehören die Bonhoeffer-Dokumente zu den Nachlässen der Staatsbibliothek, die am häufigsten benutzt werden: „Allein aus den USA kommen jährlich bis zu fünf Besuchergruppen, um sich den Nachlass anzusehen“, sagt die stellvertretende Leiterin der Handschriften-Abteilung, Jutta Weber. Immer wieder benutzten Theologen die Originale für ihre Forschungen, denn eine in den 1960er Jahren erstellte Mikrofiche-Kopie sei nicht die beste, und auch die Bonhoeffer-Gesamtausgabe weise zuweilen Unklarheiten auf.

Doch um den Nachlass für kommende Generationen zu bewahren, müsse man einen sechsstelligen Betrag, „vielleicht 400 000 bis 500 000 Euro“ investieren, schätzt Barbara Schneider-Kempf.

Dem vor einigen Jahren verstorbenen Bonner Theologen Bethge macht dabei niemand einen Vorwurf. „Eberhard Bethge wollte nur das Beste“, sagt Jutta Weber. „Er wollte den Nachlass so gut wie irgend möglich für die Nachwelt erhalten.“ Welche Restaurierungsmaßnahmen genau erforderlich sein werden, welche Schäden man im eigenen Haus beheben kann, für welche man neue Techniken und externe Experten braucht, hängt davon ab, was die chemischen Untersuchungen der mysteriösen Folie ergeben, die im Moment durchgeführt werden. Erst dann könne man auch genau sagen, wie teuer die Restaurierung kommen und wie lange es dauern wird.

Sicher ist indes, dass die Bibliothek Sponsoren braucht: Ein Antrag auf Förderung durch die Volkswagen-Stiftung wurde bereits abgelehnt. Nun wolle man die Kulturstiftung der Länder anfragen, und im Herbst mit einer großen Kampagne um Spenden werben. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, wolle sich dafür einsetzen, sagt Barbara Schneider-Kempf. Langfristiges Ziel sei die Digitalisierung des gesamten Nachlasses. Benjamin Lassiwe

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben