Berlin : Schwingende Hüften

Jochen Metzner

Der Vater Trommler, die Mutter Sängerin, die Ahnen seit zumindest fünf Generationen vom selben Fach - für Totó la Momposina war freie Berufswahl wohl von Anfang an pure Illusion. Sicher hat es die bekannteste Lautgeberin Kolumbiens nie bereut, dass sie schon als junges Ding singend durch die Dörfer der heimischen Karikikküste zog, vor über 30 Jahren ihre Profikarriere startete und seitdem neben Mercedes Sosa zur vielfarbigsten Stimme Südamerikas wurde. Bei den Berliner Heimatklängen ist sie jetzt zum zweiten Mal mit dabei, ganz entgegen dem sonstigen Usus dieser Reihe. Als ihr Gastspiel jetzt zunächst als reiner A cappella-Act (Auftritt) angekündigt wird, gibt es erstmal lange Gesichter. Doch auch bei diesem Heimatklänge-Novum erweist die kleine Diseuse im Tempodrom (bis 7.8., 21.30 Uhr. Am 8.8. um 16 Uhr) ihre wahre Größe. Jetzt kommt die Biografie dieser Sängerin und ihrer unsterblichen Vorfahren zum Tragen. Die zunächst noch leicht konsternierten Besucher beginnen alsbald mitzuschwingen, wenn Totó die Stimmung ihrer oft bei der gemeinsamen Feldarbeit oder beim Endlos-Waschgang am Flussufer eher gewachsenen als komponierten Lieder mit geschmeidiger Stimme, mit weich wiegenden Hüften und dahinfließender Gestik auslebt. Es sind Lieder, in denen einst die getragene Melodik der indianischen Ureinwohner auf die vitalen Rhythmen afrikanischer Ex-Sklaven traf und die auch heute eine sanft hypnotisierende Wirkung auf den modernen Großstädter kaum verfehlen. Alsbald flankiert von drei reizenden Mitstreiterinnen kann Totó die Ursprünge aller Musik anklingen lassen, die andernorts auch dem Alltag Rhythmus geben. Welch unermesslich reiche Länder müssen das sein! Nach dieser kleinen Sensation hat es das wackere kubanische Salsa-Septett Asere auch trotz Totós finaler Mithilfe ein wenig schwer.

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