Berlin : Schwitzen, schwimmen und Rotkäppchen-Sekt schlürfen

jj

"Mitternachtssauna?" Die Dame an der Kasse feixt. In ihren Augen blitzt der helle Neid. Mitternachtssauna - das klingt nach finnischem Wodka, einer Hütte am Polarkreis. Erst die bullige Hitze genießen, dann kopfüber in die nächste Schneewehe hüpfen. Blanke Hintern leuchten im Mondschein. In der Ferne könnten Wölfe heulen. Stattdessen rumpelt draußen nur die Straßenbahn vorbei. Das Foyer des Sport- und Erholungszentrums ist spärlich beleuchtet.

Auf dem Weg zur Umkleidekabine zeigt sich allerdings, dass die Gerüchte stimmen. Hier tobt das pralle Leben. Durch die Glasscheibe sind deutlich mehrere Nackte zu erkennen, die froh ins Wasser springen. Besucher der Mitternachtssauna dürfen nicht nur die Sauna, sondern auch den hinteren Teil der Schwimmhalle unbekleidet betreten. Später sitzen sie am Beckenrand und schlürfen Tequila und Rotkäppchen-Sekt. Dazu ertönt leise Disco-Musik. "Love is a Battlefield." Normalerweise haftet dem SEZ verblichener Achtziger-Jahre-Charme an. Den orangen Kabinen ist deutlich anzumerken, dass sich hier das siegreiche Proletariat von seinen Produktionserfolgen erholen sollte. Bester DDR-Geschmack. Doch der Nackedei- Treff verhilft dem Haus zu unverhofftem Glanz. Die Becken leuchten hellblau, die Bademeister sind freundlich. Zwei höchst angenehm aussehende männliche Besucher üben sich im Ballspiel.

Beim Betreten der Damensauna kommt eine weitere Überraschung: Männer! Ein schwabbeliges Exemplar hat sich im Schneidersitz auf ein grünes Badetuch niedergelassen und begutachtet nun die weiblichen Gäste. Das ist bei der Mitternachtssauna erlaubt. Im Laufe des Abends stellt sich allerdings heraus, dass Herren sehr oft die Damensauna besuchen, Damen allerdings selten die Herrensauna. Wer sich doch bis dorthin vorwagt, wird Zeugin eines befremdlichen Wettbewerbs. Sportliche Mittzwanziger prahlen wortlos voreinander, wie lange sie es in der Hitze aushalten. Wer als erster rausgeht, hat verloren. Die Frauen hocken daneben und staunen.

Überhaupt wird das SEZ zu dieser Stunde vor allem von einzelnen Männern und Paaren bevölkert. Die Herren streifen wie einsame Wölfe um die Becken und gucken. Oder sie setzen sich auf die weißen Plastikmöbel und lassen das Handtuch dezent vom Körper gleiten. Bei den Paaren rutscht manche Frauenhand verwegen in Richtung Männermitte - also zum Bauchnabel und den darunter liegenden Regionen. Es gibt aber durchaus Leute, die einfach nur zwanzig Bahnen schwimmen, schwitzen und wieder gehen. Oder sich mit einer Zeitung auf die Pritsche legen. Insgesamt ist das eine seriöse Veranstaltung, deren Besuch jedem aufgeschlossenen Menschen ab 18 Jahren empfohlen werden kann.Die Sauna ist an jedem zweiten und vierten Freitag im Monat bis 1 Uhr 30 geöffnet. Das nächste Mal am kommenden Freitag. Die zweistündige Nutzung kostet 15 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben