Berlin : Scientology macht mobil – Politiker sind alarmiert

Organisation verstärkt Werbung, bietet Drogenberatung, geht in Jugendclubs Senat hat noch nicht über erneute Verfassungsschutz-Beobachtung entschieden

Ralf Schönball

Zwei Monate nach der feierlichen Eröffnung ihrer Deutschland-Zentrale in Charlottenburg verstärken die Scientologen ihre Aktivitäten in ganz Berlin. Überall taucht die umstrittene Organisation auf: Scientologen verteilen Hefte an Schulen, bieten Nachhilfeunterricht an und werben an Straßenständen Mitglieder. In der Lietzenburger Straße ist derzeit eine von Scientologen initiierte Anti-Psychiatrie-Ausstellung zu sehen. Drogen, Bildung und Gesundheit – Scientology greift die großen sozialen Themen auf.

Experten warnen vor dieser Strategie: „Bei allen Maßnahmen geht es nur um die Werbung neuer Mitglieder“, sagt Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention im Land Berlin. Das Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg nennt die Scientologen-Kritik an der Psychiatrie eine „pauschale Hetze gegen einen ganzen Berufsstand“. Und Thomas Gandow, Pfarrer für Sekten- und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche, fordert „eine Arbeitsgruppe auf Senatsebene zum Thema Scientology“.

Dieser Forderung schließt sich der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Charlottenburg an: „Scientology ist nicht allein das Problem eines einzelnen Bezirks“, sagt Klaus-Dieter Gröhler (CDU). Er fordert regelmäßige Arbeitsbesprechungen zu dem Thema mit den Senatsverwaltungen für Inneres, für Jugend und für Kultur. Berlin sei „völlig weggetaucht“, dabei häuften sich die Klagen „aufgeregter Bürger“ über das Werben von Scientologen auf der Straße. Charlottenburgs Bildungsstadtrat Reinhard Naumann (SPD) hält auch „eine Vernetzung von Dienststellen des Senats mit den Bezirken“ für sinnvoll, etwa um „die dringend erforderliche Liste von Organisationen zu erstellen, die zu Scientology gehören“, so Naumann. Denn bisher gebe es keinen Überblick, über die vielen Scientology-Ableger, und das erschwere die Abgrenzung der Sozial- und Bildungseinrichtungen des Bezirks von Scientology-Aktivitäten. In Charlottenburg versucht Scientology Gröhler zufolge Nachhilfeangebote an Schulen zu platzieren, Schulabgängern „Bewerbungshilfen“ anzudienen sowie in Drogenberatungsstellen und Jugendfreizeitorganisationen „mit Tarnorganisationen“ Fuß zu fassen.

Der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus nennt es „einen schweren Fehler, Scientology nicht zu überwachen“, so Frank Henkel. Die jüngsten Entwicklungen forderten eine „klare und eindeutige Entscheidung von Innensenator Körting“. Die Innenverwaltung verwies auf Anfrage auf den Berliner Verfassungsschutz. Dort heißt es: „Wir werten das Material von Bund und Ländern zu den Bestrebungen von Scientology aus“, so Verfassungsschutz-Sprecherin Isabelle Kalbitzer. Über eine erneute Beobachtung der Organisation werde später entschieden.

Dieses Vorgehen war Ende Januar im Verfassungsschutzausschuss des Abgeordnetenhauses vorgeschlagen worden. Seit Ende 2003 wird Scientology in Berlin nicht mehr beobachtet, nachdem das Berliner Verwaltungsgericht befand, dass die bisher vorliegenden Erkenntnisse über die Aktivitäten der Organisation dafür nicht ausreichten.

Scientology bestreitet, dass die sozialen Aktivitäten ideologisch motiviert seien und nur auf Mitgliederwerbung zielten: „Darum geht es in keinster Weise, sondern es geht um Aufklärung“, sagt Sprecherin Sabine Weber. Die umstrittenen Drogen-Hefte für Schüler würden zwar von der „Church of Scientology International“ finanziert. Diese und andere soziale Initiativen gingen aber von eigenständigen Vereinen aus.

Allerdings sind auch deren Gründer Scientology-Mitglieder. Und auch die etwa 15 Scientologen, die täglich auf Mitgliederwerbung ausschwärmen, bieten an denselben Straßenständen die „Schnelltests“ ihrer umstrittenen Weltanschauung neben den Heften mit ihren „sozialen Programmen“ an. Bei Scientology räumt man außerdem ein, dass viele dieser Programme auf „die Methoden von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard zurückgehen“. Dies gilt für das „Bildungsprogramm“, das gezielt „Pädagogen aller Weltanschauungen angeboten wird“ und zuletzt sogar in Seminare der Technischen Universität hineingetragen wurde. Auch das „Drogenrehabilitierungsprogramm“ Narconon stützt sich auf die Scientology-Ideologie.

Für die Berliner Suchtpräventionsexpertin Jüngling ist die Strategie durchsichtig: „Menschen in Not sind leichter zu beeinflussen, das vereinfacht den Seelenfang“, sagt sie. In den Heften zur Drogenbekämpfung sei keine unabhängige Organisation der Ansprechpartner, sondern Scientology-Zentrale.

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