Sea Life : Jagd auf kleine Fische

Zählung mit Putzerkrabbe Jacques: Bei der Fischinventur im Berliner Sea Life geht der Chefbiologe auf Tauchgang. Der Bestand muss jährlich dokumentiert werden.

Berlin - Bis zum Bauch steht Martin Hansel im Rochenbecken. Ausgestattet mit Neoprenhose und Gummistiefeln, bewegt er sich ruhig durch das Wasser und streicht vorsichtig über den glatten Rücken eines vorbeischwebenden Marmorrochens. Dann ruft er seinen drei Mitarbeitern draußen am Beckenrand zu: "Eins, zwei, drei." Der biologische und technische Leiter des Berliner Sea Life Aquariums zählt seinen Bestand, denn die alljährliche Fischinventur steht in dieser Woche an.

"Wir benötigen detaillierte Angaben über unsere Bewohner, um die tägliche Futtermenge berechnen und rationieren zu können", erläutert er und zeigt dabei auf einen weißen Dorsch, der mit hastigen Flossenschlägen das Weite sucht.

Rechtliche Gründe für Dokumentation

Dies ist jedoch nicht der einzige Grund, warum Goldbrassen, Katzenhaie und Wrackbarsche dieser Tage Besuch in ihren riesigen Becken in Berlin-Mitte bekommen. Auch aus rechtlichen Gründen muss der Bestand jährlich dokumentiert werden, wie Sea-Life-Sprecherin Maike Holzhauer-Koffi erläutert. Den Nachwuchsforschern einer Kindergartengruppe, die staunend ihre Nasen an die Scheiben drücken, erklärt eine Lautsprecherstimme, warum der Anemonenfisch Nemo ebenso erfasst werden muss wie Jacques, die Putzerkrabbe, die eigentlich eine Feuergarnele ist.

Was im Rochenbecken so leicht von der Hand zu gehen scheint, das entpuppt sich bereits nebenan als schwieriges Unterfangen. Im Atlantikbecken, dem größten des Hauses mit über 250.000 Litern Wasser und mehr als 200 Tieren, gibt es zahlreiche Verstecke für Steinbutte und Makrelen, die sich darüber hinaus noch gekonnt tarnen. Genügend Platz also, um dem Statistiker zu entwischen.

In der Mitte des Gebäudes befindet sich ein ringförmiges Aquarium, in dem Heringe und Meereschen zu atmosphärischer Musik ihre Kreise durch das leuchtend blaue Wasser ziehen. Fast anmutig bewegt sich ein Fischschwarm zu den Klängen. Hansel muss hier seine Kamera zu Hilfe nehmen, damit auch jeder einzelne Fisch erfasst werden kann.

Zählung erfordert Einfallsreichtum

Über die Jahre hat sich der Aquarist einen weiteren Trick zur Registrierung seiner Schützlinge ausgedacht. Wenn die Fische noch schlafen, zählt er die silbrigen Bewohner stundenlang im Halbdunkel. Zur Not muss auch mal getaucht werden. Dann schwebt Hansel über den Besucher im Tunnelgang hinweg den Glatthaien und Seehasen hinterher, die offensichtlich keinen Wert auf seine Nähe legen. Das blaue Licht seiner Taschenlampe streift Pflanzen und Steine, bis er wieder einmal ein Zeichen an seine Helfer draußen vor den Scheiben gibt, die eifrig mitschreiben.

Am Ende der Woche will Hansel die Inventur abgeschlossen haben. Dann wird er noch viele weitere Stunden zwischen Flossen und Tentakeln im Wasser verbracht haben und mit den rund 4000 Bewohnern des Aquariums auf Tuchfühlung gegangen sein. (Von Jörn Meyn, ddp)

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