Berlin : Sechs der sieben Helfer im Wilmersdorfer Stimmkreis 67 heißen Grenzendörfer

Cay Dobberke

Im Kreise seiner Lieben wird Wolfgang Grenzendörfer morgen seinen 47. Geburtstag feiern - nur der Ort ist etwas ungewöhnlich. Die Torte wird in einem Nebenraum des Wahllokals im Casino der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte angeschnitten, wo der Beamte als Wahlvorstand fungiert. Praktischerweise werden die wichtigsten Gratulanten gleich zur Stelle sein, denn sechs der sieben ehrenamtlichen Helfer im Wilmersdorfer Stimmkreis 67 gehören zur Familie. Der siebte ist ein enger Freund.

"In der eigenen Truppe ist es angenehmer, als irgend jemandem zugeteilt zu werden", sagt Wolfgang Grenzendörfer. "Wir sind ein eingespieltes Team." Dadurch sei man immer schnell mit dem Stimmenauszählen fertig. Das Engagement geht auf seinen 1990 verstorbenen Vater Heinz zurück: Der Beamte im Bezirksamt Wilmersdorf, der auch SPD-Mitglied war, hatte sich seit 1949 immer wieder als Wahlvorstand gemeldet. Nach seinem Tod fragten Kollegen den im Tiefbauamt Steglitz tätigen Sohn, ob er in die Fußstapfen des Vaters treten wolle. Wolfgang Grenzendörfer sagte sofort zu und überredete - außer seiner 71-jährigen Mutter Gisela - auch gleich die ganze Familie.

Als Stellvertreter des Wahlvorstands amtiert Grenzendörfers 37-jähriger Bruder Axel, der sonst als selbstständiger Gärtner arbeitet. Das Protokoll führt das einzige Nicht-Familienmitglied Manfred Scholz; der 55-Jährige leitet die Borsigwalde-Grundschule in Reinickendorf. Stellvertretende Protokollführerin ist Wolfgang Grenzendörfers 47-jährige Frau Christa, die als Beamtin im Bezirksamt Schöneberg arbeitet. Und die Beisitzer sind ihre 24-jährige Tochter Nicole, die Tiermedizin studiert, Grenzendörfers zweiter Bruder Andreas - Gärtner im Bezirksamt Reinickendorf - sowie Axel Grenzendörfers 31-jährige Frau Claudia. Sie hat auch ihren Arbeitsplatz nahe dem Wahllokal: im Vorzimmer der Wilmersdorfer Grünen-Stadträtin Martina Schmiedhofer.

"Parteipolitisch ist keiner von uns gebunden", sagt Christa Grenzendörfer. Es gebe in der Familie durchaus verschiedene politische Ansichten. Einig sind sich alle darin, dass die überall sinkende Wahlbeteiligung "unverständlich ist". In den Vorjahren waren die Grenzendörfers meist zu fünft, je zwei Freunde komplettierten das Team. "Wir kriegen nie Fremde dazu", so Claudia Grenzendörfer. Selbst als sie einmal kurzfristig absagen musste, fand sich noch ein neuer Beisitzer aus dem Freundeskreis.

Wer als Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes im Wahllokal hilft, bekommt einen freien Tag als Ausgleich und ein "Erfrischungsgeld" von 30 Mark (andere Helfer erhalten 50 Mark). Die Mahlzeiten organisiert sich die Familie selbst: "Jeder bringt Salate oder etwas anderes mit." Die Arbeit am Sonntag beginnt um sieben Uhr, eine Stunde vor Öffnung des Wahllokals, und dürfte gegen 19.30 Uhr beendet sein. Dann muss Wolfgang Grenzendörfer als Wahlvorstand die Unterlagen noch rasch beim Bezirksamt abgeben. Langeweile sei kein Problem, meint er: "Die Zeit vergeht relativ schnell."

Probleme hätten sich immer als lösbar erwiesen. So musste man 1990 eine zweite Urne herbeischaffen, weil die erste zu klein war. Die häufigste Frage der Wähler war früher, wie sie die großen Stimmzettel in die kleinen Umschläge stecken sollen - "aber das hat sich erübrigt, denn die Umschläge wurden eingespart". Vor allem ältere Bürger stellen auch Fragen wie: "Sagen Sie mal, junger Mann, wen soll ich hier eigentlich wählen?" Darauf gibt Familie Grenzendörfer natürlich keine Antwort.

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