• Sechs Monate Schule geschwänzt – keinem fiel es auf Der Fall der vernachlässigten Julia beschäftigt Polizei und Behörden. Kinderschutzbeauftragte an Kitas und Schulen gefordert

Berlin : Sechs Monate Schule geschwänzt – keinem fiel es auf Der Fall der vernachlässigten Julia beschäftigt Polizei und Behörden. Kinderschutzbeauftragte an Kitas und Schulen gefordert

J. Hasselmann[A. Kögel],C. Stollowsky

Sie ging unbemerkt ein halbes Jahr nicht in die Schule und wurde von Polizisten vergangenen Donnerstag in einer verdreckten Wohnung in Reinickendorf entdeckt: Dieser Fall der im Elend alleine gelassenen elfjährigen Julia beschäftigt seither Polizei und Sozialbehörden. Wieso fiel ihr Schuleschwänzen nicht auf? Weshalb schritt man nicht früher gegen die Verwahrlosung ein?

Wie berichtet, ist Julia zur Zeit beim Kindernotdienst untergebracht. Nach Angaben einer Familienhelferin ist sie ein aufgewecktes, sprachlich gewandtes Kind mit herzlichem Verhältnis zur Mutter. Die Familie war erst im September in den Blick der Behörden geraten, als es einen Polizeieinsatz wegen Lärms in der damaligen Wohnung von Julias 40-jähriger Mutter am Senftenberger Ring gab. Eine Verwahrlosung stellte die Polizei nicht fest.

Wenige Tage später waren Mutter und Tochter aber ein Fall fürs Sozial- und Jugendamt, sie mussten die Wohnung wegen Mietschulden verlassen. Das Bezirksamt brachte die beiden an der Wittenauer Straße unter. Bei diesem Zwangsumzug fiel auf, dass Julia seit sechs Monaten nicht mehr zur Schule ging. Die Behörden setzten eine Familienhelferin ein, doch das allein half offensichtlich nicht: Das Mädchen rief jetzt die Polizei an, weil es sich nach einem Streit zwischen seiner ältesten Schwester und deren Freund fürchtete. Ganz allein war es in der kalten, dunklen und verdreckten Wohnung. Die Mutter jobbte derweil in einer Kneipe.

Sie gilt im Sozialamt als „offensichtlich überfordert und unfähig, mit Geld umzugehen“. Dank des Einsatzes der Familienhelferin war Julia nach dem Zwangsumzug laut Jugendstadtrat Senftleben wieder regelmäßig in der Schule. Wieso sie zuvor derart lange fernbleiben konnte, war gestern ungeklärt. Denn vom dritten Tag an muss eine einsichtige Begründung vorliegen, etwa eine Erkrankung. Klassenlehrer und Schulleiter können ein ärztliches Attest verlangen. Stellen sich die Eltern stur, werden sie angeschrieben und müssen mit einer Schulversäumnisanzeige rechnen. Damit es gar nicht so weit kommt, gibt es an vielen Grundschulen so genannte Schulstationen mit Sozialpädagogen, die auch Hausbesuche machen. Die Liga-Wohlfahrtsverbände schlugen jetzt die Einrichtung von Kinderschutzbeauftragten an Kitas und Schulen vor, um Vernachlässigung und Missbrauch schneller zu erkennen. Zudem solle ein „Berliner Netzwerk für den Kinderschutz“ gegründet werden, damit „nicht weiterhin gefährdete Kinder in Zuständigkeitslücken zwischen Behörden, Schule und Eltern verloren gehen“.

Das vier Monate alte Mädchen, das vermutlich von seinem Vater am Donnerstag in Marzahn geschüttelt wurde, wird weiterhin im Vivantes Klinikum Friedrichshain behandelt. Der Säugling erlitt eine Hirnblutung, es hat noch ältere Hämatome an Kinn und Jochbein.

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