Berlin : Sechs Quadratmeter Arbeitsplatz

Seit zehn Jahren betreibt Hakki Günesen seinen winzigen Kiosk auf dem Bahnsteig des U-Bahnhofs Gneisenaustraße

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Auf der anderen Seite.
Auf der anderen Seite.

Der ärgste Feind von Hakki Günesen steht nur drei Meter entfernt. Schummriges Licht strahlt auf seine Innereien, präsentiert Armeen von Kinderriegeln, Hanutas und Coca Cola hinter Gitter und Glas. Die Snickers sind alle.

Es ist viertel vor fünf Uhr morgens, draußen ist es kalt, der Bahnsteig auf dem U-Bahnhof Gneisenaustraße ist in schmutziggelbes Licht getaucht. Das mit den Snickers ist ein Problem: Der Süßigkeitenautomat hat seine Vorräte aufgebraucht, aber die Snickers-Schachtel von Hakki Günesen ist seit Januar nicht leer geworden. Früher gingen Snickers am besten.

Besonders junge Menschen, sagt er, würden ihre Süßigkeiten lieber aus dem Automaten holen, das fänden die irgendwie interessanter. Kaufen lieber bei der Maschine als bei ihm, sagt er und guckt schüchtern aus traurigen Augen.

Herr Günesen verbringt seine Tage seit zehn Jahren auf sechseinhalb Quadratmetern. Eine kleine Stahltür, von außen kaum zu bemerken, führt in den winzigen Innenraum seines Kiosks. Den elektrischen Heizstrahler benutzt er nicht, der ist für seine Frau. Einen Stuhl gibt es nicht – kein Platz –, sondern eine umgedrehte Bierkiste mit ein paar Stuhlkissen drauf. Meistens steht Hakki Günesen ohnehin. Das ist nicht gut für den Rücken. Die Muskeln bilden sich zurück vom vielen Stehen und Nichtbewegen. Jetzt geht Herr Günesen ins Fitnessstudio, dreimal in der Woche, manchmal fünfmal. Nachmittags hat er Zeit – um eins macht er Schluss, dann kommt Fatma, seine Frau, und löst ihn ab. Fatma soll nicht die Morgenschicht machen müssen. Zu gefährlich, findet er. Schon öfters ist er von Jugendlichen angepöbelt und bedroht worden, die Geld wollten oder Zigaretten oder Alkohol umsonst.

Jeden Tag klingelt sein Wecker um vier, dann macht er sich auf den Weg von Tegel nach Kreuzberg, schließt den Eisenkasten unter dem Kioskfenster auf, in dem der Lieferant die Zeitungsbündel deponiert, sortiert die Zeitungen in ihre Stammplätze in den Ständern, und bedient die ersten Kunden. Fünf Uhr morgens ist keine gute Zeit zum Reden. Hakki Günesen und seine Stammkunden verstehen sich stumm. Wortlos reicht er der Dame mit dem Mops und dem voluminösen Pelzmantel eine Schachtel Gauloises, eine BZ und einen Kinderriegel. „Morgen. Zweimal“, krächzt die Dame im mintfarbenen Jogginganzug und kriegt zwei Päckchen Pueblo Tabak.

Um zehn Uhr gibt es Frühstück, Kaffee aus der kleinen Kaffeemaschine, und Stullen. Hakki Günesens Geschäfte sind in den letzten Jahren um mehr als die Hälfte eingebrochen, nicht nur der Süßigkeitenautomat ist schuld, auch die vielen Kioske, die oben, in der Welt mit Tageslicht, aufgemacht haben.

Hakki Günesen sagt, er mache den Job gerne. Ein paar Ärgernisse gibt es allerdings schon. Zum Beispiel drei, vier übliche Verdächtige, die jeden Tag kommen und sich penetrant über die Zeitungen beugen, um zu lesen, ohne zu kaufen. Dann wird Hakki Günesen sauer. Sonst ist seine Devise: Titel und Inhaltsverzeichnis zu lesen, ist okay, den Rest lesen, nicht. Dann fragt er die Leute höflich, ob er helfen könne. Die Leute, sagt er, gucken dann immer ganz böse und feindselig. Wie ertappt.

Informationsmäßig sitzt Hakki Günesen, kann man so sagen, im Eldorado. Ihn langweilt das meiste. Er liest in den türkische Zeitungen, guckt sich ein paar Schlagzeilen auf den Titelblättern an, dann weiß er genug. Er liest gerne PM History. Und alles über Fitness. Merkt er am Kaufverhalten seiner Kunden, was die Menschen gerade bewegt? Nein. Der einzige Tag, an dem er einen Ansturm bemerkte, an dem mehr Leute als sonst eine Zeitung kauften, war der Tag nach dem 11. September.

Ansonsten gleichen sich die Tage in seiner kleinen Festung. Er sagt, er sei zufrieden. Bevor er den Kiosk mietete, hatte Hakki Günesen zehn Jahre lang als Desinfektionsarbeiter im Krankenhaus gearbeitet. Er sehnte sich nach etwas Eigenem. Ein Freund, der Taxifahrer werden wollte, übergab ihm den Kiosk, 800 Euro Miete.

Wenn er mal auf die Toilette muss, ruft er einen Stammkunden an, einen älteren Herrn, der in der Nähe wohnt und der dann extra nach unten kommt, um Wache zu stehen. Das kommt sehr selten vor. Hakki Günesen ist ein Mann mit Disziplin. Anders könnte er den Job wohl nicht machen, 365 Tage im Jahr mitten in der Nacht aufstehen, auch wenn er krank ist – letztes Jahr ist sogar der Urlaub am Schwarzen Meer wegen der schlechten Geschäfte ausgefallen.

Wenn die Kinder, heute 13 und 16 Jahre alt, ihr Abitur haben, dann will Hakki Günesen in die Türkei, ans Schwarze Meer, in die Natur, in die Wälder. Die Arbeit hier unten macht nervös, sagt er. Als er vor zehn Jahren anfing, war sein Haar pechschwarz. Heute, mit 41, ist es grau. Sein schönstes Erlebnis als Kioskbesitzer? Einmal, kurz nachdem er angefangen hatte, im September vor zehn Jahren, ohne besonderen Grund, war eine Schlange vor seinem Laden, von zehn, 15 Leuten, die reichte bis dahin, wo heute der Süßigkeitenautomat steht. Das war schön.

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