Berlin : Sechsmal Hauptstadt - ähnliche Probleme

KATJA FÜCHSEL

Internationale Statistiker vergleichen die Bevölkerungsentwicklung in europäischen MetropolenVON KATJA FÜCHSEL BERLIN.Über Jahrzehnte waren die Städte durch den Eisernen Vorhang getrennt, auf ihre Bevölkerungsentwicklung scheint dies keinen nachhaltigen Einfluß ausgeübt zu haben.Ob in Berlin, Bratislava, Prag, Warschau, Prag, Budapest oder Wien: Seit Anfang der 70er Jahre ist die Zahl der Geburten, Hochzeiten und der Kindersterblichkeit gesunken, die Zahl der unehelichen Kinder gestiegen.Und die Übereinstimmungen scheinen noch weiter zu gehen: "Auch die Struktur der Todesfälle ist in den Hauptstädten sehr ähnlich", heißt in einem internationalen Vergleich des Statistischen Landesamtes. "Erstmals war es möglich, daß sich die Statistiker der sechs Städte zusammensetzten, um ihr Material auszutauschen", sagte der Leiter des Statistischen Landesamtes Günther Appel.Zwei Jahre lang trugen die Wissenschaftler ihre Daten zusammen, nun gibt es eine neue Broschüre mit dem etwas sperrigen Titel "Bevölkerungsvorgänge in den ostmitteleuropäischen Hauptstädten".Die Sechs-Städte-Broschüre (für 14,80 Mark ist sie im Statistischen Landesamt, Alt-Friedrichsfelde 60, erhältlich) gibt einen innereuropäischen Vergleich statistischer Daten, die sich über einen Zeitraum von 25 Jahren erstrecken.Sie informiert beispielsweise über Wanderungsbewegungen, Geburten, die Altersstruktur und die Sterbeziffern.Doch was geschieht jetzt mit der Zahlensammlung? "Für Firmen, wie etwa Beerdigungsinstitute, ist so etwas als Marktinformation von Interesse", sagt Eckart Elsner vom Statistischen Landesamt. Die Bestatter dürften Bratislava demnächst links liegenlassen, denn im Kapitel über die Alterszusammensetzung heißt es: "Anfang 1995 konnte Bratislava mit der günstigsten Struktur aufwarten." Der Kinderanteil sei hier wesentlich höher, der Anteil der Alten wesentlich niedriger als anderswo.Dagegen scheine die Bevölkerung in Budapest und Wien regelrecht zu vergreisen."Auch in Berlin fehlen junge Leute", sagt Elsner.Nur 35 Prozent sind in der deutschen Hauptstadt unter 29 Jahre alt, der Anteil der "Personen im arbeitsfähigen Alter" (15 bis 59 Jahre alt) beträgt rund 68 Prozent.Pech für die Berliner Männer: In der deutschen Hauptstadt gibt es den "geringsten Frauenüberschuß": Während in Berlin 1081 Frauen auf 1000 Männer kommen, haben die anderen Städte über 1100 Frauen auf 1000 Männer.Ähnlich sind die Todesursachen: An erster Stelle stehen die Erkrankungen des Kreislaufsystems mit über 50 Prozent, gefolgt von den Todesfällen durch Tumore mit rund 24 Prozent. Zählt man die Einwohner, steht Berlin in der Rangordnung auf dem 3.Platz der 42 europäischen Hauptstädte.Budapest, Warschau, Wien und Prag folgen auf den Plätzen 11, 13, 14 und 15 im vorderen Teil des "Mittelfeldes", und Bratislava hat schließlich den 31.Platz inne. Die wachsende Abneigung, eine Ehe einzugehen, ist zwar überall zu verzeichnen, in Wien aber offenbar am ausgeprägtesten: Über knapp 28 Prozent der Bevölkerung waren hier 1990 ledig, in Budapest 22,5 Prozent und in Prag knapp 20 Prozent.Auch die Geburtenzahl hat in allen Städten abgenommen, der Anteil der Lebendgeburten ist inzwischen fast überall unter die 10-Promille-Marke gesunken.Statistisch sind also über 1000 Berliner nötig, um zehn Babys zu produzieren.Zum Vergleich: In Bratislava lag die Quote in den 70er Jahren noch bei rund 18 Promille. Wer auf ein Fazit hofft, wird von den Statistikern enttäuscht: "Oft fehlen und die Erklärungen", sagt Elsner.Und der Leiter des Statistischen Landesamtes fügt hinzu: "Denken heißt vergleichen.Wir haben dafür die Grundlage geliefert."

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