Berlin : SED-Diktatur: Licht ins Hinterstübchen des Mauerstaates

Ole Töns

Winterabend über dem Majakowskiring. Ein älteres Paar mit Einkaufsnetz stapft durch das Villenviertel. Um die Ecke wohnten Honeckers, zur Rechten bis 1960 der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht, dahinter Ministerpräsident Otto Grotewohl, gegenüber, in der Nummer 29, DDR-Präsident Wilhelm Pieck. Da brennt noch Licht. Hinter der schweren Tür fällt der Blick auf helles Furnier und DDR-Chic der Siebziger. Mitten in der beigfarbenen Pracht, auf einem Schemel, sitzt ein junger Mann mit Laptop, Lederwams und Löwenmähne: Hans-Michael Schulze, 33, Historiker und Ausstellungsmacher im vor Jahren umzäunten "Städtchen" nahe dem Schloss Schönhausen. Er ist ein Entdecker im eigenen Land, über ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall. Kein Zögern, kein Blinzeln: "Der Kundige in Sachen Städtchen? Das bin ich!" sagt er amüsiert. In der Tat, er ist das Interesse in Person, forscht seit zwei Jahren auf einer senatsgeförderten Stelle in den Gemächern der Macht, kennt die menschlichen Episoden, die sich darin abspielten. Da schreibt etwa Piecks Tochter Elly im Winter 1946 an die vertriebene Eigentümerin des Hauses, Hilde Zeller: "Liebes Fräulein, heute habe ich eine besondere Bitte: könnten Sie mir mitteilen, wo sich der Schlüssel für den Mottenschrank befindet." Eine Kopie des Zettels findet sich in den Ausstellungsräumen.

Ein wohlkommentiertes Panoptikum menschlicher Schwächen und unmenschlicher Maskeraden haben Schulze und seine Mitarbeiter vom Forum für Politik und Alltagsgeschichte zusammengetragen: Hölzerne Gemütlichkeit - die panelverkleidete Luxussauna im Keller. War dies einst der Ort für den entspannten Teil politischer Herrenabende? Jetzt laufen hier Filmdokumente, Fernsehberichte, kontrastiert durch damals zensiertes Material, das mühsam in Stasi-Archiven aufgespürt wurde. Die offiziellen Bilder vom 60. Geburtstag Wilhelm Piecks suggerieren den gütigen Großvater, der umringt von Gästen im privaten Wintergarten sitzt. Das Material, das diensteifrig weggeschnitten wurde, zeigt einen senilen Greis, gestützt von Höflingen, für die Kamera beschwatzt von Grotewohl, von Ulbricht, von seiner Tochter. Das selbe Mobiliar steht noch heute im Wintergarten. Zwei Details, Momentaufnahmen, vielleicht Antworten auf die Frage: Wie war es wirklich, was steckte dahinter? Es ist die Art des Erinnerns, die den jungen Ausstellungsmacher treibt. "Um zu verstehen, wie es ist, muss man wissen, woher es kommt." Deshalb sind ihm Anhaltspunkte wichtig, deshalb will er, dass die Pieck-Villa ein Haus der DDR-Geschichte wird. Ein Buch will er darüber schreiben, weil das meiste, was er erforscht hat, nirgends nachzulesen ist. "Von Pankow nach Wandlitz, die Emigration der SED-Führung vor der Wirklichkeit und dem eigenen Volk" heißt die Ausstellung in der Pieck-Villa. Finanziert wird das Projekt durch das Kulturamt Pankow und von der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Dabei liegt der Akzent vor allem auf der Emigration vor der Wirklichkeit. "Für mich ist das Ergebnis der Arbeit, dass sich hier schon seit dem Einzug der hohen SED-Nomenklatura 1945 das mentale Modell des Mauerstaates herauszubilden begann", sagt Schulze. Vielleicht hat er ein aufschlussreiches Licht in das Hinterstübchen der hohen Herren der DDR gebracht. 1950 wurde der grünen Lattenzaun an der Grenze des Städtchens durch Betonelemente ersetzt. 1960 zogen die Genossen in den Wald bei Wandlitz. Kurz darauf ließen sie das ganze Land einmauern.

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