SED-Siedlung in Wandlitz : Denkmalschutz für Honeckers Wohnsitz

Nördlich von Berlin lag die Siedlung der SED-Führung. 27 Jahre nach der Wende rückt sie jetzt in den Fokus.

Georg-Stefan Russew, dpa
Wo geht’s zu Honecker? Das Haus befindet sich im Habichtweg 5.
Wo geht’s zu Honecker? Das Haus befindet sich im Habichtweg 5.Foto: dpa

Hermetisch abgeriegelt, abgehoben und fast versteckt lebte die SED-Führung in der Waldsiedlung Wandlitz nahe Berlin. Fast 28 Jahre nach dem Mauerfall ist von der Historie nicht mehr viel zu sehen. Der grüne Zaun ist fast komplett verschwunden. Autos drängeln sich über asphaltierte Wege der heutigen Rehaklinik. Patienten spazieren durch den Park und die Waldlandschaft. Als markantes Element der DDR-Historie ist noch das gusseiserne Eingangstor zu sehen. Das Ensemble der sanierten Einfamilienhäuser der SED-Spitzenfunktionäre erinnert nur noch entfernt an die abgeschottete Siedlung von einst.

Damit sich nachfolgende Generationen vom Politik- und Lebensstil der SED-Machtelite, deren Privilegien und der Realität der DDR-Bevölkerung ein Bild machen können, hat das Land Brandenburg jetzt Teile des SED-Privatrefugiums unter Denkmalschutz gestellt. Dazu gehören das Eingangstor, die Villa des einstigen Machthabers Walter Ulbricht samt Bibliothek sowie der frühere Funktionärsclub.

Eine historische Bedeutung ist auch eine Rechtfertigung

Damit vollzieht Brandenburg eine Wende. Einst hatte das Land den Denkmalschutz-Status für das Areal abgelehnt. Begründung: Das Gebäude-Ensemble habe keine architektonischen Besonderheiten. Zudem sei der zentrale Charakter der Siedlung verschwunden, weil die massive Umzäunung weg sei, erklärt der Sprecher des Kulturministeriums, Stephan Breiding. Außerdem lag Anfang der 1990er Jahre der Fokus auf der Erhaltung des baukulturellen Erbes Brandenburgs aus früheren Zeiten. Inzwischen interessiere sich die Öffentlichkeit aber wieder für die DDR-Historie.

Das Haus von Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender in der DDR.
Das Haus von Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender in der DDR.Foto: dpa

„Die Waldsiedlung ist aufgrund ihres singulären Charakters und ihrer besonderen Authentizität in besonderer Weise dafür geeignet, sich mit der Geschichte und insbesondere den Machtstrukturen auseinanderzusetzen“, sagt Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD). Landeskonservator Thomas Drachenberg betonte, dass der komplette Innenring – also der ehemalige Wohnbereich der DDR-Eliten – jetzt Bestandsschutz habe. Zentrale Orte seien jedoch das ehemalige Wohnhaus von Staats- und Parteichef Walter Ulbricht mit Bibliothek, der Kursaal, das Gartenensemble und das gusseiserne Eingangstor. Auf dem Areal, das geografisch zur Stadt Bernau gehört, betreibt Karl-Josef Michels seit 1990 eine Rehaklinik sowie Seniorenresidenzen mit 900 Bewohnern.

Denkmalschutz war kein Thema

Und Michels freut sich: Er habe sich fast drei Jahrzehnte mit Denkmalschutzfragen allein gelassen gefühlt. Er hatte die Waldsiedlung 1990 vom damaligen Landkreis Bernau übernommen. Zuvor mussten alle SED-Funktionäre das Areal bis Ende Januar 1990 verlassen. Das DDR-Gesundheitsministerium quartierte alsbald Reha-Patienten der DDR-Sozialversicherung ein.

Michels berichtet von einem Besuch mit dem damaligen Rentenversicherungschef Herbert Rische. Das Urteil des BfA-Präsidenten: „Die 23 Häuser entsprechen nicht unserem Standard! Da müssen Sie bauen.“ Michels erhielt ein Erbbaurecht für 99 Jahre, zog ein zentrales Klinikgebäude in der Waldsiedlung hoch und sanierte 22 der 23 Funktionärshäuser. Um Denkmalschutz musste er sich dabei wenig kümmern.

Die originalen Bibliothekseinbauten im ehemaligen Wohnhaus von Walter Ulbricht.+
Die originalen Bibliothekseinbauten im ehemaligen Wohnhaus von Walter Ulbricht.+Foto: dpa

DDR-Luxus musste Westdeutsche enttäuschen

Rückendeckung erhielt er vom damaligen Potsdamer Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und seiner Gesundheitsministerin Regine Hildebrandt. Der SPD-Politiker habe ihm erklärt, er könne mit den Häusern machen, was er wolle, so Michels. Ulbricht habe die DDR quasi erfunden, Honecker habe sie gegen die Wand gefahren, erinnert sich der Unternehmer an die Worte Stolpes. Aber: „Lassen Sie mir das Haus Ulbricht so zurück. Das wird in der Geschichte der DDR irgendwann einen großen Stellenwert haben“, habe ihm Stolpe ans Herz gelegt. Der Zeitpunkt scheint jetzt gekommen zu sein. Auf dem Areal ist ein Leitsystem mit Aufstellern und QR-Codes vor wichtigen Gebäuden der SED-Waldsiedlung errichtet worden. Darüber werde die Historie nachvollziehbar, sagt Historikerin Elke Kimmel, die sich wissenschaftlich mit Wandlitz beschäftigt hat. Viele DDR-Bürger hätten in der Waldsiedlung goldene Wasserhähne und märchenhafte Verhältnisse vermutet. Nach der Wende kam aber schnell Ernüchterung auf: „Für DDR-Verhältnisse war das schon Luxus, hatte mit westlichem Lebensstil aber nur wenig zu tun.“

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