Seefestspiele 2012 : Casting für Carmen

Volker Schlöndorff führt Regie bei den Seefestspielen 2012 am Wannsee. Dass Bizets Werk "Carmen" die beliebteste Oper aller Zeiten ist, genügt ihm nicht - er will mehr.

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Bald auch in groß. So soll die Bühne aussehen.
Bald auch in groß. So soll die Bühne aussehen.Foto: dapd

Ein erfolgreiches Team wechselt man nicht aus. Nachdem die Seefestspiele am Wannsee vergangenes Jahr mit der „Zauberflöte“ eine Auslastung von 85 Prozent erzielt haben, macht Produzent Peter Schwenkow dieses Jahr alles genauso. Also: ein berühmter Regisseur (Volker Schlöndorff), eine der populärsten Opern überhaupt („Carmen“) und ein Bühnenbild mit zentralem, unübersehbaren Element – das allerdings dieses Jahr nicht spitz, sondern rund sein wird: Statt einer Pyramide soll ein riesiger, transparenter Fächer 14 Meter hoch in den Himmel ragen und den Blick auf den Sonnenuntergang dahinter ermöglichen. Premiere ist am 16. August.

Auf einer Pressekonferenz in der Französischen Botschaft wurden jetzt Produktion und Bühnenbild vorgestellt. Was Frankreich damit zu tun hat? Nun ja, bei „Carmen“ denkt zwar jeder an Spanien, aber Georges Bizet, der Komponist, war Franzose. „Er hat seine Fantasie auf Spanien projiziert, und wir projizieren sie noch ein Stück weiter, auf Kuba“, erklärt Schlöndorff. Dort also soll die Inszenierung angesiedelt sein. Der Fächer, entworfen von Bühnenbildner Volker Hintermeier, ist zugleich Eingangsportal in die Zigarrenfabrik, in der Carmen arbeitet, und erotisches Symbol, das Sinnlichkeit schon in seiner Form transportiert. Auf kaum ein anderes Werk würde Alexander Kluges Wort von der Oper als „Kraftwerk der Gefühle“ besser zutreffen als auf dieses, meint Schlöndorff. „Allerdings ist Carmen für mich nicht das Teufelsweib, das allen den Kopf verdreht. Ich sehe sie eher so, wie Maria Callas sie verkörpert hat: eine tragische Figur, eine Ausgestoßene.“ Zigeunerin soll sie bei Schlöndorff sein, und deshalb werden auch zahlreiche Wohnwagen die Bühne bevölkern.

Wer diese Carmen singen wird, steht noch nicht fest – genauso wenig wie bei den drei anderen Hauptfiguren Don José, Micaëla und Escamillo. „Carmen“ ist zwar bereits die beliebteste Oper der Musikgeschichte, das reicht den Machern der Seefestspiele aber noch nicht aus. In ihrem Bemühen um Popularisierung veranstalten sie ein „Open Opera“ genanntes Casting für die Hauptrollen. Jeder kann daran teilnehmen, sofern er Gesangsausbildung und Bühnenerfahrung hat. Eine Jury will vom 14. bis zum 18. Mai im Radialsystem ihre Auswahl treffen, Arte macht einen Film daraus. Juryvorsitzender ist der amerikanische Tenor David Lee Brewer, der unter anderem die Backgroundsänger von Beyoncé-Shows betreut hat.

Apropos Background: Die Produktion hätte einmal direkt auf dem Wasser aufgeführt werden sollen, auf einer schwimmenden Seebühne, wie in Bregenz. So war es zumindest 2011 geplant. Dann waren aber am ursprünglich geplanten Standort in Potsdam die Anwohnerproteste zu laut, am Ersatzstandort Wannsee stellte sich heraus, dass das Strandbad in einem Wasserschutzgebiet liegt, der Senat stellte sich quer. So zog die Produktion schließlich aufs Trockene, auf die Wiese hoch über dem Strand – und da bleibt sie auch. „Wir werden keine Experimente machen. Der aktuelle Standort ist zauberhaft“, sagt Peter Schwenkow und bemüht als Begründung den Wind: Der würde auf der Seeoberfläche so unberechenbar wehen, dass ein normaler Theaterbetrieb schwierig wäre. Es klingt vernünftig, aber immer noch ein bisschen so, als würde er es bedauern. Volker Schlöndorff ist alles recht – solange es draußen ist. Der Filmregisseur hat wenig Opernerfahrung, vor einigen Jahren hat er Leos Janáceks „Aus einem Totenhaus“ an der Deutschen Oper inszeniert. „Open Air ist leichter für mich“, sagt er, „weil da sowieso keiner so genau weiß, wie man es macht.“ Katharina Thalbach, die die „Zauberflöte“ vor einem Jahr inszenierte, hat damals Ähnliches gesagt.

Anwohnerproteste hätte es so gut wie keine gegeben, sagt Bezirksbürgermeister Norbert Kopp. „Ich war selbst erstaunt, bei einer Veranstaltung dieser Größe.“ Er geht davon aus, dass seine Behörde die Genehmigung erteilen wird – ist aber froh, dass dieses Jahr mehr Zeit zur Verfügung steht. Der Vorverkauf laufe gut, so Schwenkow, wobei sich positiv auswirkt, dass Schulferien, Olympische Spiele und Fußball-EM schon vorbei sind, wenn die Seefestspiele beginnen. Zwölf Vorstellungen soll es geben. Und wieder ist als Orchester die Kammerakademie Potsdam unter Judith Kubitz engagiert.

Eintrittskarten von 40,50 Euro bis 88,80 Euro im Tagesspiegel-Shop, Askanischer Platz 3, Kreuzberg (direkt am Anhalter Bahnhof), Mo. bis Fr., 9 bis 18 Uhr. Die Tagesspiegel-Theaterkasse erreichen Sie unter der Telefonnummer 29 02 1 – 5 21.

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