Berlin : Seekrieg auf der Havel

Wie die drei Schutzmächte sich die Verteidigung West-Berlins ausmalten

Andreas Austilat

Januar 1979, in West-Berlin, mitten im Frieden. Die Hausbewohner dürften gehört haben, wie sie kamen: das Getrappel schwerer Stiefel, das Krachen berstender Türen, das Splittern der Scheiben, im ersten, zweiten, dritten Stock. Dann waren sie da, US-Soldaten, Gesichter bemalt, Sturmgewehre im Anschlag, so standen sie plötzlich auch in dieser Tür.

Anderntags berichtete die „taz“ über eine verängstigte türkische Familie, letzte Mieter im obersten Geschoss eines Gebäudes im Kreuzberger Sanierungsgebiet. Sorry, eine Panne, beteuerten die Amerikaner. Das Haus, habe es geheißen, stehe leer. Wo aber kann man Kampf in verschachtelten Mietskasernen besser üben als in verschachtelten Mietskasernen?

Ende der 70er Jahre und erst recht in den 80ern war die Blockade lange her. Im Schatten der Mauer hatte man sich eingerichtet. Die Westalliierten in der Stadt? Die waren längst Teil der Folklore, mit ihren Paraden, den Volksfesten, den schicken Uniformen, in denen die Stadtkommandanten den Presseball schmückten.

Ohne Frage, in der West-Berliner Bevölkerung war der Verteidigungswille erlahmt. Man wehrte sich juristisch gegen den Krach, der vom Gatower Schießplatz herüberwehte. Das Forstamt monierte abgerissene Äste, mit denen Panzer getarnt wurden. Ansonsten fand man es ein wenig exotisch, wenn plötzlich Soldaten in feldmarschmäßiger Montur in die Kanalisation einstiegen. Die Briten setzten mit Sturmbooten mindestens einmal im Jahr über die Havel, morgens huschten schon mal US-Soldaten mit Büschen auf dem Helm und eigenartig rappendem Singsang auf den Lippen um die Häuser.

Richtige Geisterstädte wurden errichtet, in denen die Alliierten den Häuserkampf in aller Ruhe üben konnten. 1975 entstand an der Osdorfer Straße in Lichterfelde auf dem US-Truppenübungsplatz Park Range „Doughboy City“ mit Häusern, einem S-Bahndamm samt Bahnhof, sogar Telefonzellen und Litfasssäulen stellte man auf. Inzwischen liegt das Areal brach. Anders „Fighting City“ in Ruhleben: Hier hatten sich die Briten eine Kleinstadt hingestellt, mit bis zu fünfstöckigen Häusern, ebenfalls samt Bahndamm und Kanal. Das Gelände wird noch immer für Manöver genutzt – von der Berliner Polizei.

So praktisch die Geisterstädte auch waren, noch besser trainierte es sich in der Stadt selbst. „Die Soldaten sollen im zukünftigen Kampfgebiet Ortskenntnis sammeln“, wie ein US-Offizier dem „Vorwärts“ erklärte. Oft waren die Betroffenen nicht eingeweiht, wie der Tagesspiegel im März 1981 berichtete. 50 britische Soldaten hatten erst Rauchbomben über die Mauer des Klinikums Westend geworfen und waren gedeckt durch schweres MG-Feuer aufs Klinikgelände selbst vorgedrungen. Die Franzosen hielten derweil die Stellung am Spandauer Damm. „Warum ausgerechnet das Klinikgelände zum Kämpfen genutzt werden sollte, war dem Verwaltungschef der Klinik ein Rätsel“, schrieb der Tagesspiegel. Insbesondere, da die umkämpfte Ecke zu allem Überfluss in Nachbarschaft der Reanimationsstation für Herzinfarktpatienten lag.

Wofür das alles? Die Frage wurde damals öfters gestellt. Im Zeitalter der atomaren Mehrfachsprengköpfe war schwer vorstellbar, dass irgendjemand diese Stadt angreifen würde. Und noch schwerer vorstellbar war, dass 12000 Briten, Franzosen, Amerikaner, davon die Hälfte Kampftruppen, beabsichtigen würden, eine Millionenstadt zu verteidigen.

Erst 1990 wurde bekannt, dass die NVA in Strausberg ein zwölf mal zwölf Meter großes Modell West-Berlins stehen hatte, an dem man durchspielte, wie man sich die Erstürmung West-Berlins vorzustellen hatte. Ebenfalls erst 1990 wurde bekannt, dass auch die NVA eine „Fighting City“ unterhielt, Scholzenslust auf dem Truppenübungsplatz Lehnin – mit Airport, Bar, Kino, Hotel, Schule, einem Stück Kanal und zwei U-Bahn-Eingängen. Und im selben Jahr entdeckten Offiziere der Bundeswehr Dokumente, die auf ein Manöver mit Namen „Bordsteinkante“ hinwiesen, in dem 1986 der Sturm auf West-Berlin geprobt wurde. Was aber planten die Alliierten?

Die Ex-Bundeswehroffiziere Friedrich Jeschonnek und Dieter Riedel haben in ihrem Buch „Die Alliierten in Berlin“ (Berlin Verlag Arno Spitz, 2002) versucht, diese Pläne zu rekonstruieren. Danach wäre es zum Atomwaffen-Einsatz gekommen, wenn die Berlin-Krise als Nato-Verteidigungsfall gegolten hätte, ein Szenario, wie es 1983 dem Atomkriegsfilm „The Day After“ zu Grunde lag. In Berlin wäre es darum gegangen, Zeit zu gewinnen für Verhandlungen, den Einsatz von Atomwaffen hinauszuzögern. In dieser Zeit hätte man es nicht bei symbolischem Widerstand belassen.

Beabsichtigt war offenbar, sich im Ernstfall auf einen inneren Ring zurückzuziehen, hinter den S-Bahn-Damm, hinter die Havel, den Tegeler See, die Spree, die Kanäle. Das erklärt, warum in den Manöverstädten Kanäle und Bahndämme eine Rolle spielten. Und warum die Briten immer wieder den Havelübergang übten. Denn wenn Spandau, Gatow und Kladow geräumt worden wären, hätten sich die Briten mit ihrer gesamten Garnison übers Wasser zurückziehen müssen.

Zehn Tage, so lange reichten die Munitionsvorräte, gedachte man diesen Krieg zu führen, der sich auf Hausdächern, in U-Bahnschächten, in der Kanalisation abspielen sollte. Danach hätte sich die alliierte Garnison auf einen innersten Ring zurückgezogen, der vom Olympiastadion bis zu den Kaiserdammbrücken reichte. Die Stadt hätte zu diesem Zeitpunkt schon in Trümmern gelegen.

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