Berlin : Seelsorge mit vielen PS

Beide sind Motorradfahrer: Martin-Michael Passauer wird heute als Generalsuperintendent verabschiedet und sein Nachfolger Ralf Meister ins Amt eingeführt

Heidemarie Mazuhn

Ich bleibe ja in Berlin“, hatte schon im Januar Martin-Michael Passauer einige Kirchgänger nach seinem Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche getröstet. Dort predigte der Generalsuperintendent jeden zweiten Sonntag im Monat – heute um 14 Uhr wird er in den Ruhestand verabschiedet. Der oberste Hirte des evangelischen Kirchensprengels Berlin hat sich in seiner zehnjährigen Amtszeit nicht nur Respekt und Anerkennung verschafft, sondern eine – ja, man möchte fast sagen Fangemeinde. Passauer kann zuhören, und er verkörpert seinen christlichen Anspruch glaubwürdig, so wie ein richtiger Gemeindepfarrer sein sollte. „Von der Seele her bin ich das immer geblieben“, sagt er.

Der gebürtige Pfarrerssohn aus Ostpreußen, der in Brandenburg an der Havel aufwuchs, wurde zunächst Gemeindepfarrer in Weißensee, später war er persönlicher Referent von Bischof Gottfried Forck. 1996 wurde Martin-Michael Passauer zum ersten gewählten Generalsuperintendenten im vereinigten Berlin. Im Westteil der Stadt flogen ihm die Herzen nicht gleich zu. Im neuen Amt sozusagen als Brückenbauer zwischen Kirchenleitung und Gemeinde tätig, ließ er sich davon nicht beeindrucken, sondern besuchte Gemeinde für Gemeinde. Wenn Passauer heute von Bischof Wolfgang Huber in den Ruhestand entlassen wird, wird der sicher dieses auf Herzensbildung und Gottvertrauen beruhende Bemühen besonders würdigen.

Vor allem eines nimmt der 65-Jährige mit in den Ruhestand – „die Sorge um die Stadt ist geblieben“, sagt er. Dass die Schere zwichen Arm und Reich gerade im rot-rot-regierten Berlin immer mehr auseinanderklafft, schmerzt ihn. Diesem Anliegen wird er sicher irgendwann von einer Kanzel herab wieder Ausdruck verleihen, denn Gottes Wort will Passauer weiter verkünden. „Wenn man mich irgendwo in einer Gemeinde braucht, bin ich auf Anfrage da“, sagt er.

Nur nicht in den nächsten Monaten. Da plant er eine Auszeit. Vorher wird er am kommenden Freitag in Berlin aber erst nochmals verabschiedet – dazu hat ihn die Gemeinde in die Alte Dorfkirche in Hermsdorf um 18 Uhr eingeladen.

Danach steht unter anderen ein Studienaufenthalt in der Ukraine auf dem Jahresprogramm. Im Herbst will Passauer dann mit seinem ältesten Bruder Thomas in die alte Heimat fahren – nach Kaliningrad und seinen Geburtsort, der bis 1938 Darkehmen und heute russisch Osjorsk heißt. Vorher widmet sich der Seelsorger aber erst seinem rasenden Hobby. Mit dem Motorrad donnert Passauer im Juli durch die norwegische Fjordlandschaft – mit seiner Motorradgruppe, die ihrem Mitglied die Reise zum Einstieg in den Ruhestand schenkte. Und nicht nur nebenbei hat der Vater von vier Söhnen im Alter von 33 bis 43 Jahren ab und an auch noch zwei Enkeltöchter zu verwöhnen – die eine in Dresden, die andere in Southampton. Dort erst fand zu Passauers Leidwesen seine kubanische Schwiegertochter mit Mann und Kind den multikulturellen Frieden, der ihr zuvor in Mecklenburg-Vorpommern versagt geblieben war. Heidemarie Mazuhn

Etwa jeder zweite der 210 000 Einwohner in Lübeck ist Mitglied der Evangelischen Kirche. Sieben Kirchtürme erheben sich über die Stadt – als Wahrzeichen. Dort war Ralf Meister Propst, seit 2001: „Eine wunderbare, kirchlich geprägte Stadt“, sagt er. Nun kommt er als Generalsuperintendent nach Berlin. Hier ist nur jeder vierte in der evangelischen Kirche. Unter anderem darin sieht der 1962 in Hamburg geborene Theologe die Herausforderung für Kirche in Berlin und erwähnt die multireligiöse Gesellschaft und die sozialen Spaltungen. Kirche dürfe sich nicht auf ihrer Tradition ausruhen, sagt der 46-jährige Theologe, der drei Jahre in Hamburg an der Arbeitsstelle „Kirche und Stadt“ forschte. Sie müsse neue Formen finden, neben dem gemeindlichen Leben: City-Kirchen, Bildungsarbeit. Und Kirche müsse Gerechtigkeit möglich werden lassen und einen Sinn haben für das Gesamtanliegen aller Bürger.

Der Neue – auch er ein Hobby-Motorradfahrer – ist ein Medienmann: Im Evangelischen Rundfunkreferat in Kiel verantwortete Meister die Sendung „Gesegneten Sonntag“ und die Abendandachten der „Welle Nord“. Seit 2005 spricht er das „Wort zum Sonntag“. Auch den Kirchenkreis Lübeck brachte er mit Aktionen in die Öffentlichkeit: Eine Bausparkasse ließ er am Turm der St. Marienkirche werben, um Geld für den Erhaltung der Altstadtkirchen zu sammeln. Gefragt, warum er Pfarrer werden wollte, nennt Meister drei Punkte. Er stamme erstens aus einem volkskirchlichen Haushalt. Dann habe ihn im Konfirmandenunterricht der Pfarrer gefragt, ob er nicht Theologie studieren wolle. Schließlich habe ihn das Gemeinschaftsgefühl der Christlichen Pfadfinder geprägt.

Theologie hat er in Hamburg und Jerusalem studiert; Gemeindepfarrer war er allerdings nie. Das sieht er selbst als ein Defizit. Mittlerweile sei es nicht mehr so entscheidend, in Lübeck aber empfand er es als Schwäche. Dort hatte er den maroden Kirchenhaushalt saniert, war manchmal mehr Manager als Geistlicher. Unter seiner Leitung wurde Personal reduziert – „ohne Kündigungen“, wie er betont –, wurden Gebäude abgegeben und Gemeinden zusammengelegt.

Meister ist jemand, der Entscheidungen fällt. Auch unbequeme. Auch gegen Widerstand. Als es in Lübeck darum ging, sein Sparkonzept durchzusetzen, drohte er der Synode mit Rücktritt. In der Politik mag so etwas üblich sein, in der Kirche ist es das nicht. Entsprechend umstritten war sein Vorgehen. Kirchliche Strukturen stünden oft in Gefahr, zu verwischen, wer eigentlich verantwortlich ist, sagt Meister.

Als Generalsuperintendent im Sprengel Berlin wird er Mitglied der Kirchenleitung sein. Er wird verantwortlich sein für die zwölf Kirchenkreise des Sprengels und für die Seelsorge an den 400 Theologen und anderen kirchlichen Mitarbeitern. In der Seelsorge sieht der Medienprofi, Manager und Theologe nun seine wichtigste Aufgabe. Ausschließlich Seelsorger wird der 46-Jährige aber auch in Berlin nicht sein: „Öffentlichkeit gehört für mich dazu.“ Florian Höhne

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