• Seeschlacht im Trickfilmstudio: 30 Kinder und Eltern erlebten, wie die Abrafaxe fürs Kino lebendig werden

Berlin : Seeschlacht im Trickfilmstudio: 30 Kinder und Eltern erlebten, wie die Abrafaxe fürs Kino lebendig werden

Christoph Stollowsky

Masten splittern, der Bug ist durchlöchert, das Deckshaus fliegt auseinander, eine Kanone hat sich achtern aus der Verankerung gerissen. Gefährlich poltert sie über die Planken - höchste Zeit für einen Sprung zur Seite. Doch ein Mann will nicht weichen, obwohl er dem Kampfgetümmel am nächsten ist: Mario Kuchinke-Hofer zeichnet das angegriffene Piratenschiff gerade so, als ob es jeden Augenblick aus dem DIN-A-3-Blatt hervorbrechen würde. Jetzt beugt er sich über die Zeichenplatte, knickt mit ein paar Strichen noch eine Reling um und lässt eine Kugel einschlagen.

Mario Kuchinke ist Layout-Designer der "Hahn-Film-AG", eines der führenden Trickfilmstudios in Europa. Er arbeitet in einem modernisierten Gewerbehaus im zweiten Hinterhof in der Schwedter Straße 36a in Prenzlauer Berg und entwirft gerade eine Szene für den ersten großen Abrafaxe-Film, der Januar 2001 in die Kinos kommen soll. Allein muss er die brenzlige Lage heute allerdings nicht bewältigen. Etwa dreißig Kinder und Eltern scharen sich um ihn, allesamt Teilnehmer der fünften Tagesspiegel-Geheimnistour während der Osterferien. "Wie entsteht ein Zeichentrickfilm?" wollten sie wissen - und beobachteten einen Nachmittag lang, wie die Abrafaxe auf der Leinwand lebendig werden.

Eine abenteuerliche Zeitreise erleben die drei pfiffigen Bürchschen mit den Knubbelnasen und geraten dabei mitten hinein in die Seeschlachten zwischen Spaniern und Piraten in der Karibik im 15. / 16. Jahrhundert. Normalerweise sind sie in den Comic-Heften des Berliner Mosaik-Verlages zu Hause, doch der Erfolg dieser auflagenstärksten deutschen Comic-Serie soll sich nun im Kino fortsetzen: ein Projekt, das rund drei Jahre beansprucht und mehrere hundert Experten beschäftigt - in Berlin, sowie in den Außenstudios der "Hahn Film AG" in Manila und Saigon.

Mario Kuchinke und seine Kollegen sind für die Hintergrundszenen zuständig. Eine ganze Seeräuberstadt auf der Insel Tortugo haben sie entworfen mit einer Taverne in einem großen Wrack. Alles in Handarbeit, nur ihre Farbe erhält die Stadt mit einem Colorierungsprogramm im Computer. So werden in Berlin Kulissen und Figuren buchstäblich vorbildlich geschaffen - es entstehen Prototypen für die spätere Produktion von mehr als hunderttausend einzelnen Bildern, aus denen sich der Trickfilm zusammensetzt. Die Vorbildmappen werden ins Ausland geschickt und dienen dort einer Vielzahl von Zeichnern als Orientierung, die nun gleichfalls per Hand, aber in Serie arbeiten. Jede ihrer Szenen unterscheidet sich dabei nur minimal vom vorherigen Bild.

Doch ganz am Anfang liegt in Berlin das "Story-Board" auf dem Tisch. Orientiert am Drehbuch enthält dieser Hefter alle wichtigen Phasen des Films mit Schlüsselszenen und Texten, grob gezeichneten und formuliert. Eine erste Übersicht, die nun in vielen Schritten verfeinert wird. Zum Beispiel von Ulli Nitzsche, der Shanty, den Fechtmeister der Piraten, mit dem Stift betreut. Von allen Seiten hat er seine Figur entworfen, Sequenzen, als wäre die Kamera um den alten Haudegen herumgefahren. Shanty streckt den Degen vor und klettert über die Reling, auch solche Posen gehören dazu - oder die Hände und das Gesicht in Vergrößerung. Wie verändert sich Shantys Mund, wenn er ruft oder flucht?

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