Berlin : Segeln in Berlin: Von Insel zu Insel

Jasmin Jouhar

Plötzlich kippt das Boot. Es neigt sich nach links, die Drähte der Reling nähern sich bedrohlich dem Wasser. Unten in der Kajüte poltert es. Doch dann stabilisiert sich die Lage des Rumpfes, und das Boot gleitet zügig weiter mit geblähten Segeln - nur die Welt scheint ein bisschen aus ihrer normalen Position geraten zu sein. Die Hand, die unwillkürlich Halt suchte, kann sich entspannen. Durchatmen. Nach einer Weile nimmt die Neigung ab, der Horizont kommt in die Waagerechte. "Na, das waren jetzt schon so 30 Grad Lage", sagt Udo Stengert, und es klingt anerkennend. Die beiden Neulinge haben ihre erste Prüfung bestanden und "keine Anzeichen von Angst" gezeigt.

Großer Wannsee, Schwanenwerder, Lindwerder, Scharfe Lanke, Pfaueninsel: Das ist Udo Stengerts Welt. Zumindestens die sechs Monate im Jahr, in denen seine "Bounty" Wasser unter dem Kiel hat und durch die Buchten und Strömungen der Havel kreuzt. 10,5 Meter lang, etwa 8 Tonnen schwer, 1,7 Meter Tiefgang, der Mast 13 Meter hoch und unter Deck drei Kajüten: die Bounty ist eine "Nauticat 35" und auch für die hohe See geeignet. "Mit diesem Typ wurden schon viele Atlantiküberquerungen gemacht", sagt der 60-Jährige. Auch Stengert gibt sich nicht immer mit der Havel zufrieden. Einmal im Jahr legt er den Mast um, fährt unter der Brücke an der Heerstraße durch Richtung Norden, Richtung Ostsee. Eineinhalb Tage dauert es bis Stettin, solange wird aus dem Segler ein tuckerndes Motorboot. In Stettin stellt der pensionierte Kriminalbeamte den Mast wieder auf und segelt auf das Meer hinaus.

Das Vorsegel knattert laut drauflos

Doch der Wannsee ist nicht die See, und die Enge des Berliner Segelreviers und die unzuverlässigen Böen machen manches Manöver notwendig. "Jetzt ziehen", kommandiert Udo Stengert. Er hat den Kurs geändert, das Boot steht in einem anderen Winkel zum Wind, der mit Stärke fünf am weißen Vorsegel zerrt. Jetzt muss das Tuch auf die andere Seite des Rumpfs gezogen werden. Es verwickelt sich in all den Drähten und Leinen und knattert laut. Ziehen, ziehen. Erleichterung, als es sich endlich wieder im Wind bläht und die Fahrt ruhiger wird. Die Wende ist gelungen. Bis zur nächsten Wende betätigt sich der Schriftführer des "Potsdamer Yachtclubs" als Fremdenführer und zeigt im Vorübergleiten den Grunewaldturm, die kleinen Badebuchten an der Havelchaussee und die Insel Imchen.

Der Alltag eines Berliner "Freizeitkapitäns" (Stengert über Stengert) sind "Bäume, Bäume, Bäume". "Das ist das Faszinierende am Meer: Man sieht nur Wasser und hat freien Blick auf den Horizont. Das ist ein schönes Gefühl", sagt er. Da hilft es auch nicht, dass Berlin das größte zusammenhängende Wassergebiet aller europäischen Großstädte hat. Am Wochenende über den Wannsee zu kreuzen und in einer Bucht zu ankern, sei "Freizeitgestaltung". Bei Regen und starkem Wind über die Ostsee zu segeln, "das ist harte Arbeit". Das spürte auch die Freundin seines Sohns, die bei einem Törn bereits nach zwei Tagen wieder an Land ging, von der Seekrankheit gebeutelt. "Die hatte sich das wohl wie in der Werbung vorgestellt, mit der Visa-Card im Badeanzug", lacht Udo Stengert.

Der ehemalige Leiter eines Kriminalkommissariats strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Vielleicht liegt es daran, dass er viele Stunden auf dem Wasser verbringt, lautlos dahingleitend. Oft bleibt er das ganze Wochenende mit seiner Lebensgefährtin auf der Havel, an Land geht er nur, um die Zeitung zu holen. Backbord fährt ein kleines Lastschiff vorbei, die "Heimatland". Udo Stengert strahlt, denn die Heimatland ist eine alte Bekannte. Zu DDR-Zeiten schleppte der Kahn Stengerts Boot viele Male über die Oder zur Ostsee. Damals durften die Segler nicht selbstständig zum Meer schippern.

Der Traum: das Mittelmeer

Die Wende brachte auch den Freizeitkapitänen mehr Freiheit: Die Berliner Reviere haben sich erheblich erweitert, heute können sie ohne Kontrollen überall dorthin fahren, wohin der Wind sie lockt. Auch hat sich die Lage auf dem Wannsee "entzerrt", selbst an warmen Wochenenden sind nicht mehr so viele Boote wie früher unterwegs.

Bei der Frage nach den Kosten des Hobbys Segelboot winkt Udo Stengert lachend ab. "Darüber wollen wir mal lieber nicht reden." Immer wieder gehe irgendetwas kaputt, auch die Segel müssten hin und wieder erneuert werden. Aber dass man viel Zeit mit der Pflege verbringt, dass gehört nun mal dazu. "Dafür ist ein Hobby doch da, dass man beschäftigt ist", sagt Stengert. Irgendwann möchte er das Boot ganz zum Mittelpunkt seines Lebens machen: Sein Traum ist ein nicht endender Törn durch das Mittelmeer, von Hafen zu Hafen, und gewohnt wird auf dem Boot.

Das Strandbad Wannsee zieht backbord vorbei. Stengert steuert die "Bounty" auf ihren Liegeplatz im Hafen des Potsdamer Yachtclubs zu. Doch vorher muss das Großsegel eingeholt werden. Er klettert nach vorne. Die Nadel des Windmessers pendelt nach links auf 270 Grad, nach rechts auf 60 Grad. So ein Boot ist ganz schön träge, die Bewegung am Steuerrad überträgt sich nur mit einiger Verspätung auf den Rumpf. Endlich liegt die weiße Nadel über der Null und bleibt ein Weilchen da. Stengert kurbelt am Mast, und fertig ist die Bounty zum Parken. Auch das klappt auf Anhieb, was ihn zu einem dicken Lob veranlasst: Er bescheinigt den Neulingen absolute Tauglichkeit zum Segeln lernen. Wannsee, wir kommen!

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