Seglerhaus am Wannsee : Die Pokale spendierte der Kaiser - vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren wurde das "Seglerhaus am Wannsee" 100 Jahre alt. Zu den Mitgliedern zählten Siemens und Langenscheidt. Was Thomas Loy darüber schrieb.

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Haus am See. Gebaut wurde das Vereinsheim einst für 39 Mitglieder, vorwiegend Bankiers und Fabrikanten, die ihr Geld in schöne Wannsee-Villen angelegt hatten. 250 000 Goldmark kostete das Seglerhaus.
Haus am See. Gebaut wurde das Vereinsheim einst für 39 Mitglieder, vorwiegend Bankiers und Fabrikanten, die ihr Geld in schöne...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Auf dem Kamin des Rittersaals stehen zwei Bordkanonen der Miniaturfregatte „Royal Louise“, auf der der letzte deutsche Kaiser Wilhelm das Segeln lernte. „Die Kanonen schießen heute noch hervorragend“, sagt Peter Rieck ohne erkennbaren Anflug von Ironie. Als hätte er das Kanonenschießen erst gestern wieder ausprobiert. Es wird trotzdem stimmen. Seine Sätze sind exakt bemessen, wie in Stein gehauen. Völlig unbezwingbar.

Peter Rieck ist Historiograf des berühmtesten Berliner Seglervereins, ein Original, etwas schrullig und liebenswürdig in seinem 76. Lebensjahr. Selten ohne die kleine Zigarillokiste anzutreffen, aus der er regelmäßig nachfeuert. Wer den Verdacht äußert, der ehemalige Finanzdirektor eines Logistikkonzerns hätte sich vom aktiven Segelsport zurückgezogen, bekommt einen Schuss vor den Bug. „Ich bin keen Terrassensegler.“ Obwohl man von der Terrasse des Vereinshauses einen hervorragenden Blick auf den Wannsee genießt. Rieck und seine mehr als 1000 Mitsegler vom „Verein Seglerhaus am Wannsee“ sind sich sicher, das „schönste Clubhaus in Deutschland“ zu besitzen. Dieses Haus wird in diesem August 100 Jahre alt.

Gebaut wurde es einst für 39 Vereinsmitglieder, vorwiegend Bankiers und Fabrikanten, die ihr Geld in schöne Wannsee-Villen angelegt hatten. 250 000 Goldmark kostete das prachtvolle Seglerheim. „Die Baugenehmigung hat nur drei Wochen gedauert“, sagt Rieck mit lachendem Augenzwinkern. Auch danach ging alles sehr schnell. Bauen sollte eigentlich der ehemalige Berliner Stadtbaurat Otto Stahn, der die Pläne zur Oberbaumbrücke entworfen hatte. Doch es gab Streit mit dem Vorstand, und so wurde Otto Berlich der eigentliche Architekt.

Es entstanden ein Schlafsaal, 25 kleine Wohnungen, zwei Clubzimmer, getrennt für Herren und Damen, und der „Rittersaal“, ein majestätisch anmutender Festsaal mit Balkendecke, knarzendem Parkett, Pokalvitrine und einem Erker für die Musikkapelle. Die Außenfassade ist mit Fachwerkgiebeln, Fensterläden und einem Sockel aus Elbsandstein geschmückt.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der segelverrückte Kaiser Wilhelm hatte seinerzeit viele wertvolle Pokale spendiert, aus Silber und Gold gefertigt, mit Schlachtenszenen verziert, von denen viele in den Besitz des Seglerhauses übergingen und bis heute dort ausgestellt sind. In den Vorzimmern und Aufgängen wird den Bootsklassen und Segelschonern gehuldigt, als Modell, als Ölbild oder Radierung. Ein Werk vereint alle kaiserlichen Jachten. „Das würde die Nationalgalerie gerne haben“, murmelt Rieck, und man weiß schon, wie die Antwort des Vereins ausfiele. Niemals würden die stolzen Segler diese Ikone hergeben.

Selbst die 100 Jahre alten Gitterspinte im Untergeschoss haben sie erfolgreich verteidigt. Die Behörden hatten sie als unhygienisch beanstandet, doch Rieck hält sie immer noch für funktioneller als alle nachfolgenden Spintgenerationen. „Da drinnen trocknet das Segelzeug hervorragend.“ Ein Hausmeister, der im Seglerhaus wohnt, kümmert sich seit 40 Jahren um den ordnungsgemäßen Zustand aller Räumlichkeiten.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Mitgliederlisten der 30er Jahre zieren prominente Namen wie Siemens, Springer (Julius) und Langenscheidt. Noch früher sind Oppenheim und Wessel erwähnt. Der eine Bankier, der andere Lampenfabrikant. In den 60er Jahren ersegelte Willy Kuhweide dem Verein Olympiagold. Peter Rieck bringt es immerhin auf einen Europameistertitel. Heute segelt er meistens mit seinen Kindern oder sitzt im Vorstandszimmer, um historische Vereinsakten zu sichten.

Das Elitäre und Mondäne aus den Gründertagen hat sich im Segelalltag weitgehend abgeschliffen. Aufgenommen werden kann jeder, der glaubhaft macht, die 520 Euro Jahresbeitrag plus Liegeplatzgebühr aufbringen zu können. „Wir sind billiger als Hertha BSC“, sagt Rieck, aber es gelten andere Maßstäbe als beim Fußball. „Jemanden mit Rostlaube nehmen wir natürlich nicht.“ „Rostlaube“ bezieht sich hier auf das Boot, nicht das Privatauto. Jeder Neuzugang bekommt zwei Paten zur Seite gestellt, die ihn in die Gepflogenheiten des Vereinslebens einführen.

Gefeiert wird das 100. Vereinshaus-Jubiläum mit einem Familienfest und einer Regatta im August. Allerdings sind nur Mitglieder geladen. Nicht ausgeschlossen, dass die neue Royal Louise, ein Nachbau der 1945 verschrotteten Minifregatte, dazu eine Salut-Salve abfeuern wird. Das pittoreske Schiff liegt am Vereinssteg vor Anker und kann für besondere Anlässe gemietet werden. Alle Kanonen Louises, so versichert Peter Rieck, „schießen noch“.

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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