Sehnsuchtsorte und Zwischenwelten : Unter den Hochbahnen von Berlin

Unter den Berliner Hochbahnen ist häufig viel Platz, wie zum Beispiel an der U2 in Richtung Mitte - meist aber ungenutzter. Die Stadt will diese Orte nun wohnlicher machen. Muss das eigentlich sein?

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Blick auf das ehemalige Toilettenhäuschen unter den U-Bahn-Gleisen am U-Bahnhof Schlesisches Tor in Berlin-Kreuzberg.
Blick auf das ehemalige Toilettenhäuschen unter den U-Bahn-Gleisen am U-Bahnhof Schlesisches Tor in Berlin-Kreuzberg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der alte Ford ist aufgebockt, rechts und links liegen Räder, Stoßstange und ein Kühler herum. Zwei Beine ragen unter dem Autokadaver hervor. Über der Freilichtwerkstatt rattert mit höllischem Getöse die U2 in Richtung Mitte. Dit ist Berlin, aus der Not oder aus Spaß besetzte städtische Nischen, oft im Schatten von Bauwerken vergangener Jahrhunderte mit gewaltigen Pfeilern aus Sandstein und Gusseisen – unter den Viadukten dieser Stadt.

Ein Sehnsuchtsort, aber auch oft ein verlassener, ist der Steh- und Gehplatz unter den Hochbahnen von Berlin. Jetzt überlegt die Stadt, das Leben hier schöner zu machen, sogar zum Sitzeneinzuladen - zum Beispiel bei der Umgestaltung der Schönhauser Allee. Aber geht das denn hier unten, unter der Hochbahn?

Die Oberbaumbrücke war mal aus Holz

Geschraubt wird da, ’ne Currywurst gebraten, ein Kaffee oder die Zeitung gereicht, jedenfalls dort, wo die eiligen Hipster hoch zur U-Bahn drängen. Unten stehen  oft auch Anhänger und zerschossene Autos herum, von deren Haltern abgestellt und vergessen, manche tragen huckepack bunte Plakate.

Und wer nach oben schaut, blickt in die kalten schwarzen Augen von Krähen oder Tauben, die reglos auf den Verkehr hinabstarren. Heimisch ist hier niemand, Transit herrscht hier, oben wie unten – und manche wachen hier auf, erbarmungslos abgestürzt.

In ihrer Not rennt auch Lola über so einen Viadukt, über die Oberbaumbrücke, die Einzigartige, wegen ihrer spitzen neogotischen Bögen. Ihren Namen trägt sie deshalb, weil sie ursprünglich aus Holz gezimmert war und die Zöllner mit dem Oberbaum-Balken den Fluss sperrten. Schiffe durften erst weiter zur Spreeinsel, wenn der Käpt’n den Zoll gezahlt hatte für die Ladung Rum, Tabak und Felle.

Unter Viadukten lebten häufig Obdachlose

Heute rumpelt oben die U-Bahn über die 1894 entstandene Brücke. Siemens baute die Hochbahntrasse damals wie auch die U2-Strecke zwischen Warschauer Brücke und Bülowstraße.

Unter der Oberbaumbrücke ist auch oben, weil dort ein Fußgängerweg über die Spree führt. Ganz unten ist nichts und niemand, nur Wasser. Ganz unten ist, wer abstürzt, und das endet oft tragisch: Im vergangenen Jahr traf es einen argentinischen Artisten, der seiner Freundin auf dem Viadukt in einer lauen Sommernacht eine Liebeserklärung machte und beim Klettern zwischen den Pfeilern in die Fluten stürzte und ertrank.

Ganz unten – die Viadukte dieser Welt liefern das Bildnis dafür. Bevor New York ihre stillgelegte „Highline“ auf den alten Viadukten in blühende Gärten verwandelte, lag unter deren Bögen das Land der Unberührbaren: Crack-Junkies und Obdachlose sammelten sich um Müllcontainer, das Gesicht rot von den lodernden Flammen des entzündeten Unrats.

Viadukt ist Kulisse für "Dickes B"

Es sind Bilder aus dem Hades unserer Zeit, den der Mensch durchqueren muss, wenn er ein Superheld werden will. Ganz New York verwandelt Hollywood schon mal in dieses Zwischenreich und lässt Snake Plissken es durchqueren („Escape from New York“). An diesen verworfenen Orten des Stadtgedächtnisses tauscht Bruce Wayne seinen Kaschmirmantel gegen das Lumpenkleid eines Bettlers. Wayne muss die Lasten seiner Herkunft abstreifen, muss nach ganz unten, damit er über sich hinauswachsen und das Fliegen lernen kann („Batman begins“).

Oha, nimm’s nicht so schwer, ,Altäer!‘ – leicht und locker rappen sich Shaban & Käptn Peng durchs „OHA“-Land und suchen ihren Verstand. Sie stellen ein Sofa unter Mittes Viadukt, das einfach nur eine coole Location ist. Auch für Seeed ist das Viadukt Kulisse für einen fett runtergerappten Berlin-Soundtrack („Dickes B“). Mehr davon, aber anderes bietet die Elektro-Pop-Parodie der Torpedo Boyz: „Ich bin Ausländer (Leider-zum-Glück)“. Unsere Stadt ist Legende selbst unter Viadukten – und wir leben nicht nur in Film und Musik ganz prächtig davon.

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