Berlin : Sehr aufgeräumt

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer ist seit 100 Tagen im Amt

Matthias Oloew

Sie traut sich was. Das klingt zwar neutral, ist aber in ihrem Amt so etwas wie ein Prädikat. Der Satz ist oft zu hören gewesen in den letzten 100 Tagen, im Senat, im Abgeordnetenhaus, in der Stadtentwicklungsverwaltung, aber auch bei Bauherren und Architekten. Gemeint ist damit Ingeborg Junge-Reyer, die neue Stadtentwicklungssenatorin. Heute vor 100 Tagen wurde die SPD-Politikerin im Parlament zur Nachfolgerin des zurückgetreten Peter Strieder gewählt, der seine Ämter in der Tempodrom-Affäre aufgeben hatte.

Sie traut sich was, das heißt allerdings nicht, dass Ingeborg Junge-Reyer viele Sachen anschiebt, die zuvor niemand gewagt hätte, auf den Weg zu bringen. Der Satz bezieht sich eher darauf, dass sie den Mut hat, Entscheidungen ihres Vorgängers zu kippen. Und das schon einige Tage nach ihrem Amtsantritt. So legte sie die fertigen Pläne zum Umbau des Boulevards Unter den Linden in die Schublade, weil es in ihren Augen keinen Sinn machte, die Straße zu verschönern, die in wenigen Jahren für den Bau der U-Bahn-Linie 5 wieder aufgebuddelt werden muss. Und sie sagte rundheraus, wie sie die Chancen für eines der seit zehn Jahren konsequent verfolgten Lieblingsprojekte von Senatsbaudirektor Hans Stimmann sieht: Die Hochhäuser am Alexanderplatz wird es so bald nicht geben.

Sie traut sich, denn sie ist die Frau der Wahrheiten. Sie hat einen unverstellten Blick auf das, was in der Stadt heute noch möglich ist – und was nicht. Von Investorenträumen, die in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage sich allzu oft als Schäume erwiesen, ließ sie sich nicht mitreißen. Oder von den vollmundigen Bekundungen des Architekten Peter Zumthor beim Bau der Gedenk- und Dokumentationsstätte Topographie des Terrors – zusammen mit Kultur-Staatsministerin Christina Weiss kippte sie die bisherige Planung, obwohl schon Millionen in den Sand gesetzt worden sind. Die Entscheidung gegen Zumthor brachte ihr zwar den Applaus der Politik, auch der Opposition, aber nicht unbedingt unter den Berliner Architekten. Und unter ihnen gibt es noch immer eine starke Fraktion, die sich hinter den Zumthor-Entwurf stellt. Damit, so heißt es, käme man in jeden Architektur- und Reiseführer. Die Frage, wer es bezahlen soll, konnte die Fraktion allerdings ebenso wenig beantworten wie Ingeborg Junge-Reyer.

Sie traut sich was, auch weil sie sich auf ihre Verwaltung verlassen kann. Innerhalb jener zwei Jahre, die sie als Staatssekretärin unter Peter Strieder arbeitete, hat sie sich in der 3000-köpfigen Verwaltung eine Reputation erworben, von der sie heute profitiert. Sie gilt als korrekt und aufrichtig, sie kann zuhören und diskutiert, statt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist aber auch bestimmt und setzt sich durch. Ein Kurs, der ankommt.

Ihren Mut wird sie brauchen, denn viele Probleme liegen noch auf dem Tisch. Einige Beispiele: die Verlängerung der Französischen Straße, ein bezahlbares Konzept für die Topographie des Terrors und eine Vermittlung im Streit um den geplanten Bau eines Riesenrades am Gleisdreieck. Am Montag ist Ingeborg Junge-Reyer aus dem Urlaub zurück. Es wartet viel Arbeit.

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