Seifenkiste Derby : Sein Traum aus Blech

Uwe Lenz ist Seifenkisten-Fan der ersten Stunde. Das Rennen in Kreuzberg organisiert er seit 30 Jahren. Inzwischen gibt es immer weniger Teilnehmer.

von
In der Boxengasse. Am Sonntag wurde der Mehringdamm wieder zur Rennpiste. Mit rund 35 km/h sausten die Fahrer, immer im Dreier-Pulk, die 350 Meter lange Strecke hinunter. In den ersten Nachkriegsjahren hatten die Amerikaner die Tradition der Kreuzberger Seifenkistenrennen begründet. Foto: dpa
In der Boxengasse. Am Sonntag wurde der Mehringdamm wieder zur Rennpiste. Mit rund 35 km/h sausten die Fahrer, immer im...Foto: dpa

„Das sind Fanatiker“, sagt Uwe Lenz und zeigt auf die temporäre Rennstrecke am Mehringdamm. Er meint Seifenkistenfahrer. Vielleicht muss man Fanatiker sein, wenn man sich mit acht Jahren in einer übergroßen Blechdose einen Hang hinunterstürzt. Jedenfalls muss man Kind geblieben sein, wenn man wie Uwe Lenz im Alter von 69 Jahren noch immer leuchtende Augen beim Anblick einer Seifenkiste bekommt. Seit genau 30 Jahren organisiert Lenz das Berliner Seifenkisten-Derby in Kreuzberg. Für ihn ist es ein Kindheitstraum, der in Erfüllung ging. Doch heute noch Kinder für das Spektakel zu begeistern, ist schwierig.

Lenz erinnert sich noch genau, wie er damals an genau derselben Stelle am Mehringdamm stand und sein erstes Rennen mitansah. Das war 1949. „Wir standen zu beiden Seiten der Strecke in Fünferreihen“, erinnert er sich. Die Straßenzüge sahen noch anders aus. Grau, einige Häuser zerstört. „Aber die Seifenkisten waren bunt, es war ein Riesenfest.“ Alles hätte er damals gegeben, um in einer dieser bunten Kisten mitfahren zu können, sagt Lenz. Drei Jahre in Folge bewarb er sich für die Rennen, doch eine eigene Seifenkiste konnte er sich nicht leisten, es blieb ein Traum.

Anfang der fünfziger Jahre waren es die Amerikaner, die im befreiten Berlin der Nachkriegszeit das sogenannte „Soap Box Derby“ veranstalteten, mit General Motors als großem Sponsor und einer Reise in die USA als Hauptgewinn. Die Sieger waren Helden. 1969 stieg Opel als letzter Sponsor aus, und das Rennen wurde vorerst nicht wieder veranstaltet.

„Ich selbst bin damals nie mitgefahren“, sagt Lenz. Aber die Erinnerung an die aufregenden Rennen bewahrte er sich – bis zu jenem Abend 1982, als Vertreter des Bezirks, des ADAC und eben auch er selbst in einer Kneipe zusammensaßen und – so erzählt es Lenz – beschlossen, die Seifenkisten wieder nach Kreuzberg zu holen.

Foto: Sidney Gennies
Foto: Sidney Gennies

Aus dieser Idee ist 30 Jahre später „sein Baby“ geworden. Nur dass die Seifenkisten heute mit Motiven wie „Hello Kitty“ oder „Transformers“ bemalt sind. Ein bisschen professioneller ist es geworden. Mit Funkgerät und Kopfhörern steht Lenz neben der zweieinhalb Meter hohen Rampe, von der aus die Rennfahrer jeweils zu dritt die 350 Meter lange Strecke hinunterrasen. 35 Kilometer pro Stunde Spitzengeschwindigkeit! Lenz hat all diese Daten im Kopf. Die Regeln sind klar, eine Seifenkiste darf mit Fahrer nicht mehr als 90 Kilo wiegen. Die Breite der Achsen ist genormt, die Räder sind für alle gleich. „Es geht um Spaß, aber es ist ein Wettkampf. Die wollen gewinnen.“ So kursieren am Sonntag unter den Teilnehmern und besonders deren Eltern, die die Kisten ja meistens bauen, die verschiedensten Theorien. Die einen schwören auf harte Räder, andere behaupten, eine bessere Federung führe zum Sieg. Doch solche Manipulationen sind natürlich verboten.

Die Dekra prüft einen Tag vor dem Rennen alle Seifenkisten auf Sicherheit, checkt die Bremsen. Aber auch unerlaubte Öleinspritzanlagen für die Kugellager, Magnesiumstangen statt der genormten Stahlachsen und chemische Gummihärter und Weichmacher sind den Testern bereits untergekommen. Keine Tricks blieben unversucht. Aber immerhin: „In 30 Jahren brauchte nicht auch nur ein Kind ein Pflaster.“

Dabei sind es heute längst nicht mehr nur Kinder, die mitfahren. Die Teilnehmerzahlen sind rückläufig. 120 waren es noch vor ein paar Jahren. An diesem Sonntag gerade etwas über 40. Vielleicht liegt es auch daran, dass es eine weitere Veranstaltung gibt: Eine Woche zuvor wurde das Wedinger Seifenkistenderby der Seifenkisten-Rennvereinigung Berlin ausgetragen.

Inzwischen fahren die Eltern der Kinder mit, die selbst in jungen Jahren an den Start gingen. Auch Uwe Lenz sitzt ab und zu in einer Seifenkiste. Doch lieber versucht er die Kinder für seinen Sport zu begeistern, trotz Konkurrenz von Videospielen und Fernsehen. Damit in 50 Jahren, so wünscht es sich Lenz, mal wieder eines dieser Kinder am Mehringdamm steht. „Wenn es sich dann erinnert, wie schön es war, hier Seifenkiste zu fahren, so wie ich mich heute erinnere, dann hat sich der Aufwand gelohnt.“ Da ist er wieder ganz Seifenkistenfahrer. Fanatiker eben.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar