Berlin : Seifenkistensport: Rennpappe, pädagogisch wertvoll

Thomas Loy

Der erzieherische Wert, sagt Detlef Neumann noch einmal, auf den kommt es an. Eine Überbewertung des Seifenkistensports ist aus erzieherischer Sicht nahezu ausgeschlossen. Dabei ist Neumann kein Pädagoge, sondern Regionalleiter einiger BSR-Recyclinghöfe. Aber was heißt das schon? Seit 20 Jahren kümmert er sich um den Nachwuchs für rund 25 Rennpappen, betreut Fahrer und organisiert Turniere.

Neumann steht vor zwei Seifenkisten-Rohlingen in der Garage seines Rennstalls "Joker Team". Daumen und Zeigefinger gleiten am Hosenrand rauf und runter. Wenn sich wieder Kinder finden, Neueinsteiger in diesen sanften Sport, werden die Rohlinge fertig gebaut. Aber Kinder zu finden, wird immer schwieriger. Der erzieherische Wert liegt vielen zu hoch. Auch unter den Eltern gibt es immer weniger, die bereit sind mitanzupacken und ihre Freizeit an Bastelanleitungen und Rennregeln zu verschwenden. "Viele fragen nur, wann sie ihre Kinder wieder abholen können."

Das Joker-Team besteht aus 12 Kindern, ihren Eltern und einigen Uneigennützigen vom alten Schlag wie etwa Scholle, ein lediger 50er, still, bescheiden, immer zur Hand, ein Malocher für die gute Sache. Am 24. Juni, beim Seifenkisten-Derby auf dem Mehringdamm, eines der beiden Qualifikationsrennen für die Deutschen Meisterschaften, ist er natürlich dabei - als Fachmann für gestauchte Achsen oder blockierende Lenkzüge. Selbst gefahren ist er noch nie.

Früher, vor dem Mauerfall, kamen bis zu 30 000 Menschen zum Derby nach Kreuzberg. Seitdem schrumpfte die Anhängergemeinde stetig. Und den organisierten Seifenkistensport im Osten zu verankern, scheiterte nach einigen Anfangserfolgen. Auch die Politik zeige dort eher Desinteresse, sagt Neumann, der als Regionalleiter für die fünf neuen Bundesländer zuständig ist. Der ernsthafte Seifenkistensport bleibt eine Domäne der Wessis.

Der Seifenkistensport beginnt mit wochenlanger Bastelarbeit. Erzieherisch gesehen steht das Basteln sogar im Mittelpunkt des Seifenkistensports. Dabei lernt der achtjährige Neueinsteiger zum ersten Mal, dass es Bauvorschriften gibt, die unbedingt einzuhalten sind, und dass geometrische Formen nicht nur an der Tafel existieren. Vorgeschrieben ist eigentlich alles: Gewicht, Länge, Steuerung, und dass die Seifenkiste vorne wie eine Parabel, hinten wie ein Dreieck "mit gebogenen Schenkeln" und in der Mitte wie ein Rechteck auszusehen hat.

Erst die "Seniorklasse" ab 10 Jahren geht freizügiger mit den Bauteilen um. Doch auch hier haben sich bestimmte Gestaltungselemente als aerodynamisch unumgänglich herausgestellt. Und die gerade Spurführung, also die liniengetreue Verarbeitung von Achsen und Steuereinheit, ist sowieso ein Muss. Aus Material und Mechanik sei nicht mehr viel herauszuholen, sagt Neumann. Man sei "im Rahmen des Legalen" an eine Grenze gestoßen. Auf die Fahrer, also die Kinder, komme es an.

Und die sind auf der Strecke letztlich sich selbst überlassen. Maik Termer, 13 Jahre alt, Startnummer 38, ist schon mal Deutscher und Europäischer Vizemeister geworden. Aber er hat auch die Schattenseite des Sports kennengelernt: Gerissener Seilzug nach Kontaktaufnahme mit einem Strohballen. Er hatte etwas zu lange den Zuschauern zugeschaut. Training und mentale Vorbereitung auf das Rennen brauche er nicht, sagt er. Aufgeregt sei er nur in den ersten Jahren gewesen. Jetzt will er nur noch gewinnen, wie Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher, sein großes Vorbild. Dem Formel-1-Zirkus steht der Seifenkistensport in nichts nach. Ohne Sponsoren läuft nichts mehr. Das Rennen in Kreuzberg stand kurz vor dem Aus, als schließlich Stadtmöblierer Wall einsprang und für die nächsten fünf Jahre Hilfe zusagte.

Einen Tag vor dem Rennen muss jedes Fahrzeug durch die technische Abnahme. Danach schließt Neumann alle Kisten in einer Turnhalle ein und gibt sie am nächsten Morgen an die Fahrer aus. Die Räder werden kurz vor den Wertungsläufen noch einmal ausgetauscht, um Manipulationen am Gummibelag vorzubeugen. Seifenkistenfahren sei eben ein richtig deutscher Sport, sagt Neumann, obwohl er aus Amerika kommt. Mit den Jahren entstand ein kompliziertes Regelsystem, dem sich einige Seifenkisten-Freunde nicht mehr unterwerfen wollen. Sie veranstalten deshalb Spaß-Rennen mit ungenormten Fantasiekisten.

Dagegen hat Neumann gar nichts einzuwenden. Nur der erzieherische Wert sei eben nicht so hoch anzusetzen. Die achtjährigen Debütanten fahren bei ihm zunächst ohne Bleigewichte. So liegen sie zwar chancenlos auf den hinteren Plätzen, können sich mit zunehmendem Körpergewicht aber garantiert steigern. Wenn die Kleinen schon in den ersten Jahren alle möglichen Titel abräumen, fehlt bald der Reiz, und sie schmeißen den Sport hin.

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