Berlin : Seilbahnunglück: Das Schachern nach der Katastrophe

Katja Füchsel

Man musste nicht lange auf die Nachricht der Anwälte warten. "Die Kanzlei Leistikow will Hinterbliebene der Brandkatastrophe am österreichischen Kitzsteinhorn bei möglichen Schadensersatzforderungen vertreten", meldete die Nachrichtenagentur dpa am Dienstag, drei Tage nach dem Unglück. Interessenten aus Bayern haben sich ebenso an die Kanzlei gewandt wie mehrere Österreicher, teilte Leistikow der dpa per Fax mit.

Erst die Concorde in Paris, jetzt die Seilbahn in Kaprun. Es sind die Katastrophen, die in der Berliner Kanzlei offenbar geschäftige Betriebsamkeit auslösen. Doch das Engagement der Juristen stößt nicht überall auf Gegenliebe: Der Anwaltskammer liegen inzwischen mehrere Beschwerden über die Kanzlei vor. In die Kritik geriet die Kanzlei, als sie einen Berliner, der beim Concorde-Unglück im August seine Schwester verloren hatte, drei Tage später anschrieb: "Leistikow Rechtsanwälte", stand im Briefkopf. Die Kanzlei bekundete ihr Beileid - und bot sich an, die "Schadensersatzansprüche gegen Air France bzw. die Firma Deilmann zu vertreten". Eine Vollmacht lag anbei. Und die Zusicherung: Die Vertretung ist kostenlos.

"Die Aufdringlichkeiten von Rechtsanwalt Leistikow ist das Letzte, was die Hinterbliebenen in ihrem Schmerz benötigen", sagte Claus Weisner, Präsident der Hilfsorganisation "Echo", die sich um die Opfer von Flugzeugkatastrophen kümmert. Das Angebot sei "grausam, zynisch" und "beschmutze das Andenken der Verstorbenen". Weil es Anwälten nach deutschem Recht verboten ist, von sich aus auf potenzielle Mandanten zuzugehen, legte "Echo" bei der Rechtsanwaltskammer Beschwerde ein. Zu dem noch laufenden Verfahren will sich Sven Leistikow nicht äußern, nur so viel: "Der Vorwurf stimmt so nicht."

Unbeliebt hat sich die Kanzlei mit ihrem Geschäftsgebaren auch bei zwei Kollegen gemacht, die im La-Belle-Verfahren für die Opfer als Nebenkläger auftreten. Beim Bombenanschlag auf die Diskothek "La Belle" starben 1986 drei Menschen, mehr als 200 wurden zum Teil schwer verletzt. Vor drei Jahren begann der Prozess gegen die fünf mutmaßlichen Attentäter vor dem Berliner Landgericht.

Im vergangenen Juni kam der Name Leistikow ins Gespräch: Zwei der Geschädigten wurden zu Hause von einem Herrn Markus V. angerufen, der sich als Telefonvermittler für Rechtsanwalt Leistikow und die internationale Opferorganisation "Vitimas" vorstellte. Im La-Belle-Verfahren sei die Organisation durch Leistikow in der Lage, erfolgreich Schadenersatzansprüche für Geschädigte durchzusetzen, da man über eine politische Erklärung Gaddafis verfüge, dass die Opfer entschädigt werden, schilderten die Mandanten den Anruf. Der Vermittler stellte eine kostenlose Vertretung in Aussicht. Nur wenn die Entschädigung eingehe, müsse das betreffende Opfer 20 Prozent abgeben, da man schließlich "am Leben" bleiben wolle.

Die Anwälte der Angerufenen beschwerten sich beim Generalstaatsanwalt. Sie werfen Leistikow nicht nur unstandesgemäßes Verhalten, sondern auch Betrug vor. "In Sachen La Belle gibt es keine politische Erklärung Gaddafis, wonach Schadenersatz gezahlt wird", sagen die Anwälte. Die Ermittlungen des eingeleiteten ehrengerichtlichen Verfahrens laufen noch. Leistikow will sich auch dazu nicht äußern, er höre von diesen Vorwürfen "gerade zum ersten Mal".

Und jetzt also Kaprun. Nähere Angaben zu seinen potenziellen Mandanten will Leistikow nicht machen, es gebe noch keine konkreten Aufträge. Ein Kanzlei-Vertreter werde nach Österreich fahren und die Ermittlungen beobachten. Doch wie haben die Angehörigen aus Bayern und Österreich von dem noch recht jungen Berliner Unternehmen gehört? "Das liegt an unseren Schwerpunkten", sagt der 37-Jährige. Oft werde er eben von Kollegen empfohlen.

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