Sein ewiger Trip : Kein Wintergarten mehr ohne Jack Woodhead

Eigentlich wollte Jack Woodhead nur ein halbes Jahr bleiben. Doch plötzlich hatte er eine Comedyshow und der Wintergarten rief an. Dort spielt er jetzt gleich mehrere Shows. Ein Treffen.

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Jack Woodhead.
Jack Woodhead.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der Mann mit den dunkelroten Lippen und dem betörenden Lidstrich kreuzt anmutig die Arme übereinander. Eine Augenbraue geht nach oben. Er wirft den Kopf in den Nacken, reißt den Mund auf und zeigt der Fotografin zwei strahlende Zahnreihen. Jack Woodhead ist in seinem Element. Im Bistro des Wintergarten Varietés hat er sich in der Probenpause gerade mit wenigen Handgriffen das Make-up aufgelegt und das gestreifte Sträflingshemd übergeworfen. Er sieht selbst darin noch elegant aus.

Das Hemd trägt Woodhead in seiner Rolle als Herbert Maria Freiherr von Heymann, der im Berlin der fünfziger Jahre als Psychiatrie-Bewohner seine Mitpatienten aufmischt. Für das Stück „Der helle Wahnsinn“,das ab dem heutigen Montag wieder im Programm des Varieté-Theaters an der Potsdamer Straße läuft.

Der 27-Jährige Jack Woodhead hatte vor zwei Jahren die Musik komponiert und die Hauptrolle übernommen. Seither kamen Shows wie „Sally & Fred“ und „Seifenoper“ hinzu. Weitere Kollaborationen mit dem Wintergarten sind in Planung, darunter ein Abend, durch den er im April zu Ehren der Queen an deren 90. Geburtstag führen wird, sowie eine Hommage an Woodheads Idol Freddie Mercury zu dessen 70. Geburtstag im September. Kein Wintergarten mehr ohne Jack Woodhead.

Er versteht sich als Künstler, Komponist, Pianist, Sänger, Schauspieler und Show-Moderator. Er liebt die große Geste, das Überdrehte und die extravaganten Kostüme. Das Entscheidende ist für ihn: „Das bin alles ich.“ Selbst bei einer Probe ist es Woodhead daher gewissermaßen gar nicht möglich, aus der Rolle zu fallen. „Wenn ich auf der Bühne bin, bin ich total fokussiert“, sagt er. „Dann fließt meine Energie.“

Aufgewachsen in Manchester

Zurück auf der Bühne sitzt er mit ganzer Körperspannung am großen Flügel und begleitet von dort eine der Akrobatik-Nummern. Die Probe wird unterbrochen, weil einer der Darsteller fehlt. Wie zur Untermalung der Wartezeit klimpert Jack Woodhead weiter einige Töne auf dem Klavier. Seinen elektrisierenden Blick legt er auch jetzt nicht ab. Später lacht er darüber, dass er die Wartezeit musikalisch ausgeschmückt hat – es war ihm gar nicht aufgefallen. „Ich könnte natürlich still dasitzen und darauf warten dass es weitergeht“, sagt er. „Oder ich kann vorgeben, dass ich gleich einen Oscar gewinnen werde.“ So gestaltet er ständig seine Realität.

Das liebe er auch an seiner Rolle des Freiherrn von Heymann, der mit den unterdrückten Talenten der Psychiatrie-Insassen eine große Revue-Show plant. „Er beobachtet alles und denkt über die Menschen, die Farben, das Licht nach“, sagt Woodhead. „Immer auf der Suche nach dem nächsten großen Show-Moment.“ Er fühle sich diesem Charakter sehr nahe. „Für mich ist es ganz natürlich, aus dem Nichts heraus ein Lied anzustimmen.“

Jack Woodhead.
Jack Woodhead.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Schon während seiner Kindheit in Manchester hat er regelmäßig die Kleider seiner Mutter angezogen und im Wohnzimmer Shows für die Familie gegeben. „Wir hatten eine große Box mit Kleidern, Perücken und High Heels“, sagt er. Seine Neigung zu Frauenkleidern und seine Homosexualität seien zu Hause niemals Thema, sondern vielmehr selbstverständlich gewesen. Im Alter von sieben Jahren habe er vor seinen Eltern mit Chers „It’s in his kiss“ schon darüber gesungen, einen Mann zu küssen. Nur bezüglich seiner Künstlerlaufbahn sei der Vater anfangs skeptisch gewesen. „Jetzt ist er sehr stolz auf mich und kommt zu meinen Vorstellungen“, sagt Woodhead.

„Berlin will always be free“

Nach dem Studium am Dartington College of Arts in England kam Woodhead vor sechs Jahren nach Berlin. Eigentlich wollte er nur ein halbes Jahr bleiben, doch schon bald hatte er seine eigene monatliche Show „Fish and Whips“ im Comedy Club Kookaburra in Prenzlauer Berg. Dort sahen ihn vor gut drei Jahren auch Regisseur Markus Pabst und der Akrobat David Pereira. Sie holten ihn in den Wintergarten. Mit Pereira, der auch in „Der helle Wahnsinn“ eine Hauptrolle hat, veranstaltet Jack Woodhead nun regelmäßig „The Trip“ – burlesque Late-Night-Akrobatik mit wechselnden Gästen, ebenfalls im Wintergarten .

Dort endet jetzt bei einer seiner Proben-Gesangseinlagen das Lied mit den Worten „Berlin will always be free“. Woodhead reckt dazu die Arme in die Höhe, gegen die Decke des Zuschauerraums, an der lauter kleine Lichter wie ein Sternenhimmel funkeln. Dass am anderen Ende der Bühne gerade ein Techniker mit einer Bohrmaschine an der Kulisse arbeitet, ändert gar nichts an seiner Bühnenpräsenz.

Mehr Klavier spielen

In Berlin hat Jack Woodhead eine Heimat gefunden, besonders wegen des Gefühls, hier sein zu können, wer auch immer er gerade sein möchte. „Manchmal kleide ich mich auch sehr maskulin“, sagt er. „Dann gehe ich aus, im Anzug, mit Hemd und Krawatte.“ Manchmal sei es ein bisschen furchteinflößend, wie viele Charaktere er in sich trage. Wohin das führt, sei kaum absehbar. „Keine Ahnung wie ich mich in drei Jahren fühlen werde.“ Doch jetzt ist auch der Punkt in seiner Karriere, in der er langfristige Pläne schmiedet, sich auf Jahre hinaus für Produktionen verpflichtet – das will wohl überlegt sein. „Der Geist und das Herz wachsen ja ständig“, sagt Woodhead.

Er möchte sich jetzt mehr auf sein Klavierspiel konzentrieren und seine Charaktere ausbauen. „Ich spiele immer diese überdrehten Personen“, sagt er. Vielleicht könne er sich mal an jemandem probieren, der möglichst weit von der Jack-Woodhead-Persönlichkeit liegt. Eine trockene, introvertierte Person vielleicht. Möglicherweise auch am Theater. „Ich habe das Gefühl, dass es jetzt erst richtig losgeht für mich“, sagt er. Es sieht so aus, als habe er noch lange nicht erschöpft, was und wer alles in ihm steckt.

„Der helle Wahnsinn“ läuft bis 5. Juni mittwochs bis sonnabends ab 20 Uhr und sonntags ab 18 Uhr, im Wintergarten, Potsdamer Straße 96, Tiergarten. Karten kosten zwischen 37,20 Euro und 70,20 Euro. Alle weiteren Termine unter Tel: 030 58 84 33. www.wintergarten-berlin.de

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