Berlin : Seit 10 Jahren ist die Wahlberlinerin im Geschäft (Portrait)

Sigrid Kneist

Als Evelin Brandt Anfang der siebziger Jahre nach Berlin kam, hatte sie mit Mode nicht viel am Hut. Ihre WG-Mitbewohner in der Zwölf-Zimmer-Altbauwohnung in Moabit hätten das nicht gerne gesehen. "Eine Mode-Tussi zu sein, wäre etwas ganz Schreckliches gewesen." Sie kaufte Klamotten auf dem Flohmarkt oder griff sich die weiten Pullover aus dem Kleiderschrank des Bruders. In den 70ern war eben political correctness gefragt, selbst wenn man den Begriff nicht kannte. Die Aufbruchstimmung der Studentenbewegung hatte die 17-Jährige aus einem niedersächsischen Dorf bei Bückeburg in ihren Bann gezogen: "Es war mein größter Traum, nach Berlin zu gehen."

Heute steht der Name Evelin Brandt für individuelle, nicht überkandidelte Damenmode made in Berlin. Sie entwirft seit zehn Jahren eigene Kollektionen, die sie in Berlin und Potsdam in sechs Läden und über den Großhandel auch international verkauft. Selbst in Belfast vertreibt ein Shop ihres Namens exklusiv das Label "Evelin Brandt". Der Erfolg lässt sich inzwischen in zweistelligen Millionenumsätzen messen. Natürlich trägt die Unternehmerin und Modemacherin nicht mehr Flohmarkt-Fummel oder ausgeleierte Pullis, sondern ein edles, weich-fließendes Schwarzes aus eigener Kreation.

In den Geschäften an durchaus prominenten Standorten in Berlin - Savignyplatz, Friedrichstraße oder Galleria Steglitz beispielsweise - finden sich vor allem Kundinnen so um die Mitte Dreißig und ein wenig älter. Frauen, die im Berufsleben stehen und Freude an schönen Dingen haben, an origineller, dennoch tragbarer Mode etwa, und die auch bereit und in der Lage sind, dafür die eine oder andere Mark auszugeben. Denn die Sachen von Evelin Brandt sind schon allein vom Preis her dem gehobenen Segment zuzurechnen. Billigware ist ihr Ding nicht. Die Stoffe - hauptsächlich italienische - haben es ihr angetan; Qualität hat ihren Preis.

Der Weg zum eigenen Modereich, das sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Peter Strehlau führt, verlief alles andere als geradlinig. Nach dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg folgte ein Germanistik- und Politologiestudium, anschließend sattelte Brandt auf Medizin um. In diesen Jahren waren Indien und Südostasien angesagt, und auch sie reiste dorthin. Den ersten Trip nach Sri Lanka beendete sie erst, als sie noch ein halbes Jahr Indien - auf eigene Faust - anhängte. Das war der Beginn einer langjährigen Leidenschaft für Asien. Irgenwann begann Brandt, von ihren ausgiebigen Reisen nach Bali Textilien mitzubringen und hier zu verkaufen. Bunte Spitze war damals ausgesprochen gefragt. Ihr Geschmack war es nicht unbedingt, aber es verkaufte sich gut.

Mit ihrem Freund, der auch heute ihr Lebens- und Geschäftspartner ist, belud sie Anfang der Achtziger einen alten Kleintransporter, um zur Messe nach Düsseldorf zu fahren. Völlig unbeleckt vom Modegeschäft, aber willens, etwas Eigenes aufzubauen. 1984 machte die Jung-Unternehmerin, nebenher noch Studentin der Medizin und Mutter eines Sohnes, ihren ersten Laden in der Goethestraße in Charlottenburg auf. Von einer Karriere als Ärztin verabschiedete sie sich nach dem 1. Staatsexamen: "Die Hierarchien im Krankenhaus hätten mir ohnehin nicht gelegen." Danach drehte sich alles um Mode.

Bald stand nicht mehr der Import im Mittelpunkt. Die vielen Reisen ins ferne Südostasien mit endlos langen Flügen schlauchten, unzuverlässige Lieferanten nervten. Evelin Brandt wollte sich auf so etwas wie deutsche Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit verlassen können und nicht mehr mit fernen Geschäftspartnern hadern müssen. Stoffe konnte man ja schließlich auf hiesigen Messen beziehen. Die Erkenntnis, dass in Deutschland ebenfalls vieles nicht so läuft, wie es sollte, kam recht bald.

Sie beschloss, ins kalte Wasser zu springen und selber kreativ zu werden, ihre eigenen Kollektionen zu entwickeln. Mit einem Lachen erinnert sich die heute Erfolgreiche an die kleinen Sünden der Anfangszeit, wie sie zum eigenen Stil finden musste. Da gab es beispielsweise eine Vertreterin, die bestärkte sie darin, mit schrillen Farben wie Pink, Lila, Giftgrün zu arbeiten. "Da habe ich so schreckliche Sachen gemacht." Nach einem Blick auf die aktuellen Kollektionen möchte man das gar nicht glauben: Wer das Grelle sucht, wird nicht fündig werden; hier sind die gedeckteren Töne vorherrschend.

Von den Nerven zehrenden Startschwierigkeiten, als das Unternehmen um seine Existenz kämpfen musste, hat sich die Firma längst erholt. Das Geschäft läuft: Erst vor wenigen Monaten hat sich das Unternehmen rein räumlich vergrößert. Im angestammten Sitz im Tempelhofer Ullsteinhaus wurden neue Räume im fünften Stock bezogen: hell, weitläufig und mit einem wunderbaren Blick über Teltowkanal und Hafen bis zum fernen Fernsehturm. 39 Mitarbeiter beschäftigt die Modeunternehmerin, überwiegend Frauen. Hier werden die Musterkollektionen genäht, die eigentliche Produktion läuft in Stettin. Und an die Tage des Importgeschäftes mit Asien erinnern jetzt vor allem zwei riesige Sofas aus dem fernen Bali.

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