Berlin : Seit fünfzig Jahren bringt Günter Klatt Tasteninstrumente in Stimmung

Isabel Herzfeld

Klingt die Melodie mal schräg, klemmt das Pedal, schlagen die Hämmer zu hart an oder die Tasten zu leicht - dann ist das ein Fall für Günter Klatt. Seit fünfzig Jahren kümmert sich der Klavierbauer um das Wohl der Tasteninstrumente. Schon mit 15 kam er in die Lehre bei einer alteingesessenen Neuköllner Firma, absolvierte nach dem Abschluss mit Auszeichnung das traditionelle Wanderjahr als Reisestimmer im Rheinland. Zurück in Berlin, schickte ihn das renommierte Steinway-Haus in die Konzertsäle: letzter Schliff für Günter Klatts Talent, den Charakter, das individuelle Temperament eines Instruments zu entfalten und auf sensible nervöse Künstlerseelen abzustimmen.

Emil Gilels, Glenn Gould, Claudio Arrau, Marta Argerich, Alfred Brendel, oder auch Oscar Peterson oder Chick Corea sind nur einige Namen großer Musiker, für die Klatt arbeitete. Wie subjektiv es um die Wahrnehmung des Klavierklangs bestellt ist, davon kann er manche Anekdote erzählen. Elly Ney etwa, die berühmte Beethoven-Spielerin, drohte, eine Schallplattenproduktion abzubrechen, wenn man ihren Flügel nicht in eine leichtere Spielart regulieren könne. Nachdem Meister Klatt das gute Stück vollständig zerlegt und ohne die geringste Änderung wieder zusammengebaut hatte, fand sie es wunderbar und führte alles brav zu Ende.

Doch Klatt arbeitet nicht nur für Pianisten. Zu seinen treuesten Kunden gehört beispielsweise Ute Grass, einst Orgelstudentin an der Hochschule der Künste, die bei ihrer Heirat mit dem Schriftsteller ihren gebrauchten Bechstein gegen einen nagelneuen Bösendorfer aus Wien eintauschte. Im Autrag der Witwe Wilhelm Furtwänglers pflegte Klatt jahrelang zwei noch aus Jugendstilzeiten stammende Flügel des großen Dirigenten. Sogar aus China erreichten ihn Aufträge, das er mit dem Radio-Symphonie-Orchester besuchte.

Klatt arbeitete 20 Jahre Arbeit für den SFB, danach für die Hochschule der Künste und kann auf eine lange Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper zurückblicken. Sein Ideal ist der Blüthner-Flügel mit seinem romantischen und trotzdem kammermusikalisch transparenten Klang. Nach der Wende half er der alten Leipziger Pianoforte-Fabrik zu überleben, indem er West-Berliner mit dem Unternehmen bekannt machte. Die "Faszination Klavier", wie sie derzeit in einer Ausstellung im Musikinstrumenten-Museum zu besichtigen ist, liegt für ihn auch in der Vielfalt von Instrumenten-Typen.

Nachdem Günter Klatt vor kurzem mit 65 in den Ruhestand ging, will er sich mehr dem privaten Musizieren widmen. Mit zahlreichen Konzerten zu Hause in Charlottenburg förderte er viele junge Pianisten. Sein "pflegeleichtester Kunde" war übrigens Herbert von Karajan. Dass es in der jahrzehntelangen Zusammenarbeit an der Philharmonie nie Probleme gab, liegt wohl nicht nur daran, dass beide am selben Tag im April Geburtstag haben.

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