• Seit über zehn Jahren betreiben Renata Bühler und Manuela Polidori das erste deutsche Frauenhotel

Berlin : Seit über zehn Jahren betreiben Renata Bühler und Manuela Polidori das erste deutsche Frauenhotel

Katharina Leuoth

Männer müssen draußen bleiben. Alltag in einem Frauenhotel. Nase voll vom vermeintlich starken Geschlecht? Der Versuchung aus dem Weg gehen? "Das hat damit gar nichts zu tun. Es liegt an der Atmosphäre, wie viele sagen." Ein weit dehnbarer Begriff. "Ja, so genau weiß ich auch nicht immer, was die Frauen eigentlich damit meinen", gibt Renata Bühler zu. Sie ist zusammen mit Manuela Polidori Inhaberin des "artemisia" in der Brandenburgischen Straße 18 in Wilmersdorf. "Ungeschminkt im Frühstücksraum zu sitzen ist keine Selbstverständlichkeit. Bei uns schon." Ein Frauenhotel also, weil sich das weibliche Geschlecht nicht traut, ungeschminkt den Männern gegenüber zu treten? Aber vor dem Ziehen des Lidstrichs das Brötchen essen möchte? Ist das nicht traurig? "Das ist es. Aber es ist überhaupt traurig, dass es Bedarf für Frauenhotels gibt", antwortet Manuela Polidori.

Ruhe vor dem Anmachen und vor neugierigen Augen gehört für Renata Bühler mit zur Atmosphäre. "Eine Frau allein auf Reisen und das Getuschel geht los. Ist sie hässlich, heißt es, kein Wunder, dass die keinen abbekommen hat. Ist sie schön, fragen sich die anderen, warum sie wohl allein am Tisch sitzt." Kein Aufsehen entstehe, wenn Lesben möchten, dass zwei Betten in einem Zimmer nebeneinander und nicht meterweit voneinander entfernt stehen. In einem großen Hotel sei man da schnell peinlich berührt. Es gäbe auch Frauen, die sich vor Matratzen ekeln, auf denen zuvor Männer genächtigt haben.

"Dass Frauen aber ein saubereres Hotel führen als Männer, sage ich lieber nicht mehr. Das können auch die Männer", versichert Renata Bühler. Manche Bewohnerinnen im "artemisia" engagieren sich politisch und freuen sich, mit ihrer Übernachtung einen Frauenbetrieb unterstützen zu können. Denn auch beim Personal ist kein Mann zu finden. "Sonst würden wir die Atmosphäre zerstören und außerdem lege ich ja selbst Wert auf so einen Arbeitsplatz."

Einen Arbeitsplatz ohne Männer in Sicht- und Reichweite. Außer Handwerker, die dürfen schon mal rein. Söhne bis 14 Jahre ebenfalls. Und die Frauen bringen und abholen dürfen die Männer auch. "Manche buchen hier für ihre Schwester, Mutter oder Frau. Auch für die Angestellte oder sogar für ihre Chefin. Die dürfen sich die Zimmer natürlich auch anschauen." Aber nicht über Nacht, und an der Bar abzuhängen können sie auch vergessen. Höchstens zu einem extra Raum haben Männer noch Zutritt. "Wenn Frauen ein Gespräch führen müssen, den Partner dazu aber nicht woanders treffen möchten." Im Frauenhotel abzusteigen, hieße aber keinesfalls, dass die Frauen hier mit Männern nichts am Hut haben. "Eine Bewohnerin war ständig unterwegs, in Bars, Kneipen und im Fitnessstudio um die Ecke. Sie wollte immer dorthin, wo man schöne Männer treffen kann."

In den zwei Etagen des Hotels wohnten früher gutbürgerliche Familien. "Etagenhotels wie unseres sind für Berlin recht typisch. Bekannte erzählten uns, dass die Frau, die hier eine Pension betrieb, gestorben ist, und dass die Räume freistehen." Das war 1989. Die Mauer stand noch und der Kurfürstendamm war Zentrum. "Eine ideale Lage also, wo man nicht drüber nachdenkt." Aus der Schwärmerei wurde Ernst. Verhandlungen mit Banken, Suche nach finanzieller Unterstützung bei Freunden. Die zwei Inhaberinnen arbeiteten zuvor beim Reiseveranstalter "frauen unterwegs e.V.". "Da wurden wir oft nach frauenfreundlichen Unterkünften gefragt. Und wir saßen dann abends in der Kneipe und träumten mit unseren Freundinnen davon, so etwas auf die Beine zu stellen. Aber wirklich daran geglaubt haben wir nicht." Mit der Adresse in Kurfürstendamm-Nähe eröffneten sie das erste Frauenhotel in Deutschland. Mit acht Zimmern und maximal 20 Betten, mit Hängematte und Liegestühlen zwischen Blumentöpfen und kleinen eingepflanzten Bäumen auf der Dachterrasse.

Renata Bühler kam vor 15 Jahren aus der Schweiz nach Deutschland, Manuela Polidori aus Italien. Früher haben sie für die Rechte der Frauen das eine oder andere mal demonstriert. Heute liegen in ihrem Hotel Werbezettel von Frauenkneipen aus, aber auch Tipps für Veranstaltungen, wo Männer kennen zu lernen sind.

Regelmäßig lädt das Hotel zu Lesungen und Vernissagen ein. Ausgestellt werden ausschließlich Bilder von Künstlerinnen, aber zu den Eröffnungsausstellungen dürfen auch Männer die Türen des Hotels passieren. Auch wenn sich die Frauen dann veränderten. "Mir ist das wirklich schon oft aufgefallen. Frauen verhalten sich anders, wenn ein Mann in ihrer Runde ist. Sie kichern anders, sie reden über andere Themen, die Stimme wird sogar schriller", sagt die Italienerin. "Vielleicht ist das wirklich biologisch bedingt", entgegnet Renata Bühler. "Das passiert wahrscheinlich ganz unbewusst. Ob das bei uns auch so ist?", fragt ihre Kollegin nach. Nein, das kann sich Renata Bühler eher nicht vorstellen.

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