Sekte : Scientology drängt an die Schulen

Anti-Drogen-Seminare oder Vorträge im Ethik-oder Religionsunterricht: die Öffentlichkeitsarbeit von Scientology Berlin visiert gezielt Schulen und Bildungseinrichtungen an. Mehr als 500 Briefe gingen in den vergangenen Wochen an Schulleiter in Berlin und Brandenburg.

Tanja Tricarico

Berlin Zudem hat die „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM)“ – eine Unterorganisation von Scientology – die Bildungseinrichtungen kontaktiert. Wie viele Schüler leiden unter Leseschwächen? Wie viele Kinder sind verhaltensauffällig? Wie viele Schulpsychologen gibt es? Der Verein verlangt Akteneinsicht und beruft sich dabei auf das Informationsfreiheitsgesetz.

Thomas Gandow, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, überrascht die Kampagne nicht. Bereits im April hatte Gandow von besorgten Schulleitern die E-Mails mit dem Fragenkatalog erhalten. „Daten zu sammeln ist typisch für Scientology“, sagt Gandow. Grundsätzlich hat jeder Bürger das Recht, bei staatlichen Einrichtungen Auskünfte zu bekommen. „Die Anfrage ist erlaubt“, sagt Anja-Maria Gardain von der Berliner Datenschutzbehörde. „Solange nicht personenbezogene Daten angefordert werden, die Rückschlüsse auf bestimmte Kinder zulassen.“ Damit sind die Schulen verpflichtet, Auskunft zu geben. Kenneth Frisse, Sprecher der Senatsbildungsverwaltung, sind allerdings keine Schulen bekannt, die geantwortet haben. „Die Schulen sind sensibilisiert“, sagt Frisse. Vielmehr warnt die Senatsverwaltung ausdrücklich vor Initiativen wie „Sag nein zu Drogen, sag ja zum Leben “ oder „Applied Scholastics“. Unter dem Deckmantel von Anti-Drogen-Kampagnen drängt Scientology an die Schulen. Der Grund für die aktuelle Befragung bleibt unklar: „Die statistische Erhebung soll Eltern auf den Missbrauch von Psychopharmaka bei Kindern hinweisen“, sagt Nicola Cramer, Vizepräsidentin der KVPM.

Stresstest am Alexanderplatz oder Info-Stände auf dem Ku’damm: Bis jetzt rekrutierte Scientology hauptsächlich an öffentlichen Plätzen. „Wie gefährlich die Organisation ist, wird unterschätzt“, sagt Sektenexperte Gandow. „Scientology muss verboten werden.“ Die Organisation, die sich selbst als Kirche bezeichnet, wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Kritiker bezeichnen sie als Wirtschaftsunternehmen, das nicht in Mitgliedern rechnet, sondern in Kundenzahlen. Warum Scientology ausgerechnet jetzt Briefe an Schulen, Universitäten oder Volkshochschulen schickt, will Sabine Weber, Präsidentin von Scientology Berlin, nur vage beantworten. „Das gehört zur Öffentlichkeitsarbeit“, sagt sie. Weber bestätigt, dass bis jetzt keine Schule auf die Anschreiben reagiert hat.

Scientology expandiert. Bereits im April wurde in Spandau ein neues Zentrum eröffnet. „Die Organisation verhält sich bis jetzt ruhig“, sagt Harald Lund vom Bezirksamt Spandau. In Berlin hat Scientology hat nach Schätzungen des Sektenbeauftragten etwa 200 Mitglieder, deutschlandweit sollen es 5000 bis 6000 sein. 

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