Sekundarschulen : Brennpunktschulen sollen gute Schüler besser fördern

Der Vorschlag zur Einrichtung von Spezialklassen für leistungsstärkere Schüler stößt auf viel Zustimmung. Die Neuköllner SPD fordert Zulagen für Lehrer, die an Brennpunktschulen arbeiten.

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Die anhaltende Flucht der Eltern aus den sozialen Brennpunktschulen hat die Diskussion über bessere Konzepte der „Verliererschulen“ angefacht. Viel Zustimmung gab es am Freitag für Bildungs- Staatssekretär Mark Rackles (SPD), der sich „gegen Denkverbote“ ausgesprochen hatte. Konkret ging es um die Frage, ob es auch an Sekundarschulen Spezialklassen für leistungsstärkere Kinder geben sollte, um sie in Problemkiezen zu halten. Vorbild sind die naturwissenschaftlichen Klassen der Gustav-Falke-Grundschule in Gesundbrunnen, die nur Schüler mit guten Deutschkenntnissen aufnehmen.

„Es ist wünschenswert, dass Schulen für ihre Klassen unterschiedliche Profile bilden und entsprechend ihre Schüler aussuchen können“, sagte der bündnisgrüne Bildungsfachmann Özcan Mutlu. Darüber hinaus müsse man aber den Problemschulen mit zusätzlichen Mitteln helfen, attraktiver zu werden.

Martin Delius von den Piraten nannte es „lobenswert, dass über Tabubrüche nachgedacht wird“. Allerdings befürchtet er „massive soziale Probleme“, wenn innerhalb einer Brennpunktschule „Eliteklassen“ eingerichtet würden. Die Schulen müssten „insgesamt auf den Weg gebracht werden“. Dazu könne eine Profilbildung aber durchaus beitragen.

Der Wegbereiter des Gustav-Falke- Konzeptes, Bildungsberater Eduard Heußen, kann sich durchaus vorstellen, dass dieses Konzept von Grund – auf Sekundarschulen übertragbar ist – aber eben nicht auf jede. Manchen Brennpunktschulen könne das helfen. An anderen Schulen bestehe aber der entscheidende Schritt darin, dass die Arbeitsorganisation völlig geändert werde. So habe es der von Schließung bedrohten Willy-Brandt-Schule in Gesundbrunnen geholfen, dass die Lehrer Jahrgangsteams gebildet hätten.

Lehrer in Jahrgangsteams unterrichten nicht mehr hunderte Kinder, sondern konzentrieren sich auf einen Jahrgang, so dass sie die einzelnen Schüler besser kennenlernen können. Die Teamarbeit führt zudem dazu, dass sich die Lehrer enger untereinander abstimmen können. Heußen, der auch den Bildungsverbund Gropiusstadt leitet, empfiehlt zudem, dass neue Schulleiter die Möglichkeit bekommen, Mitarbeiter mitzubringen. „So ein Küchenkabinett kann eine ganze Schule reißen“, ist Heußens Erfahrung.

Die Neuköllner SPD forderte ein ganzes „Maßnahmenprogramm“ für Schulen in sozialen Brennpunkten. Dazu gehöre, dass Lehramtsstudenten besser auf den „Praxisschock“ an diesen Schulen vorbereitet werden müssten. Ab einer Quote von mehr als 40 Prozent Migranten und sozial Schwachen sollten die Schulen bei der Personalzuteilung zeitlich begrenzt bevorzugt werden und vorrangig von Neueinstellungen profitieren. Zudem sollten die Lehrer eine „Brennpunkt-Zulage“ erhalten.

Nach Ansicht der Neuköllner Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sei auch vorstellbar, eine Beförderung zum Schulleiter an die Bedingung zu knüpfen, dass die Lehrkraft Erfahrungen an einer Brennpunktschule vorweisen kann. Die besonderen pädagogischen Voraussetzungen, die dafür nötig seien, müssten bereits in der Ausbildung vermittelt werden. Giffey sieht hierbei den Senat in der Pflicht.

„Es darf keine Tabus geben“, bestärkte der Bildungsstadtrat von Friedrichshain- Kreuzberg, Peter Beckers (SPD), die Suche nach neuen Ansätzen wie Spezialklassen. Um unbeliebte Sekundarschulen attraktiver zu machen, müssten die Elternwünsche stärker berücksichtigt werden, und dazu gehöre auch die Möglichkeit, besondere Klassen einzurichten. Daneben setzt Beckers auf verstärkte Kooperationen von Grund- und Sekundarschulen, um Schüler und Eltern schon früh mit einer weiterführenden Schule vertraut zu machen und Berührungsängste abzubauen. Dazu rät auch die Leiterin der Gustav-Falke-Schule, Karin Müller. Schulen müssten dafür sorgen, dass besondere Angebote wie Spezialklassen bekannt werden und die Eltern Vertrauen fassen. Müllers Kollegen sind deshalb ständig in Kitas unterwegs, um Eltern zu gewinnen. „Und so müssen auch Sekundarschullehrer in den umliegenden Grundschulen werben.“

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