Berlin : Selbst Leibwächter flüchten in die Kaffee-Bar

Staatsbesuch bei Eiseskälte: Moshe Katzav am Brandenburger Tor

Christoph Stollowsky

Keine Chance für den Lehrer aus Hamburg-Altona. Er redet über die klassizistische Strenge des Brandenburger Tores, aber kein Schüler hört so recht zu. Die Scharfschützen machen ihm unschlagbar Konkurrenz. Schwarz gekleidet Männer mit Gewehren vor dem blassblauen Winterhimmel – auf dem Dach des Hotels Adlon und hoch oben neben den Hufen der Quadriga. Sie mustern mit Ferngläsern die Straße vor dem abgesperrten Pariser Platz, und die Schüler aus der Hansestadt zoomen sie mit ihren Telekameras heran: Heute beanspruchen der israelische Staatspräsident Moshe Katzav und seine Bewacher alle Aufmerksamkeit. Diese Klassenreise führt mitten hinein in den nahezu alltäglichen Berliner Ausnahmezustand. Wer mag sich da noch mit Klassizismus beschäftigen?

Es ist Dienstag, 11.30 Uhr. Der dreitägige Staatsbesuch des hochgefährdeten Gastes aus Israel geht dem Ende zu. Am Montag traf er sich mit dem Kanzler und dem Bundespräsidenten, heute gehören seine letzten Stunden vor dem Abflug der Hauptstadt. Am frühen Vormittag empfängt ihn der Regierende Bürgermeister im Roten Rathaus, Katzav trägt sich ins Goldene Buch ein, dann fahren beide zu Berlins Wahrzeichen: Kein Staatsbesuch ohne Gang durchs Tor.

Selten haben die Polizisten und die Sicherheitskräfte vom Bundeskriminalamt (BKA) dort so ungeduldig auf einen hohen Gast gewartet. Der Frost treibt sie in Grüppchen in die Flucht und zu Starbucks Coffee. Die Kaffee-Bar liegt strategisch günstig an der nordöstlichen Ecke des Pariser Platzes und hat Scheiben und blaue Samtsessel, von denen man alles, was sich draußen bewegt, überblicken kann. Sechs Männer in schwarzen Overalls kommen herein, Revolver am Gürtel. Sie haben ihren dunkelblauen Mercedes vor der Bar geparkt. „Abt. Sicherungsgruppe, Personenschutz, BKA“ steht auf einem kleinen Schild an der Windschutzscheibe.

Sie wärmen die Hände an Kaffeebechern. Ein paar Jungs drängeln in ihre Nähe, „richtig Action“, flüstert einer. Und eine Frau ruft über die Tische hinweg: „Jetzt kommt gleich der Sharon!“ Unterdessen fachsimpeln die schwarzen Männer. Beim Bush-Besuch sei viel mehr los gewesen. „Da haben wir die Cafés bis vor zu den Linden dicht gemacht.“

Doch plötzlich stürzt der BKA-Trupp nach draußen. Sirenen, Blaulichter, Funkgeräte schnarren. „Los, zack, zack“, ruft ein Uniformierter. Beamte heben die Gitter an, Limousinen rollen vor, dazwischen ein Ford-Kombi mit Scharfschützen auf dem Fahrzeugdach. Moshe Katzav und der Regierende Klaus Wowereit schreiten durchs Tor und sind aus den Augen – so schnell, wie sie kamen.

Danach erfüllt das Protokoll dem Gast noch einen spontanen Wunsch. Auf dem Weg zum Abflug in Tegel stoppt der Konvoi am Schloss Charlottenburg: Moshe Katzav wollte eben nicht nur Berlins berühmtestes Bauwerk sehen, sondern auch das schönste Gesicht der Stadt: Nofretete im Ägyptischen Museum.

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