Berlin : "Selbstdemontage, Racheakt, Schweinerei"

AXEL BAHR

BERLIN .Vor der Urwahl um die SPD-Spitzenkandidatur am Sonntag zwischen Klaus Böger und Walter Momper ist die angespannte Situation zwischen den beiden Lagern eskaliert.Momper kündigte gestern überraschend an, sich in Reinickendorf den ersten Platz der Bezirksliste zu bewerben.Dort trifft er auf den Kreisvorsitzenden und Böger-Unterstützer Reinhard Roß.Dieser bezeichnete die "nicht abgesprochene Aktion" als "Schweinerei" des früheren Regierenden Bürgermeisters und warnte vor einer "Selbstdemontage der SPD".Der ebenfalls in Reinickendorf beheimatete Parteichef Detlef Dzembritzki warf Momper die "Verletzung von Fairneß und Solidarität" vor.Fraktionschef Böger sprach von einem "Versuch der Spaltung".

Momper war es offenbar in den letzten Wochen gelungen, in dem intern in drei Lager gespaltenen Reinickendorfer Kreisverband Unterstützer für einen Spitzenplatz für die Abgeordnetenhauswahl zu finden.Offiziell hieß es gestern vom Vertreter der Reinickendorfer Linken, Thomas Gaudszun, man habe Momper zur Kandidatur für den ersten Listenplatz gebeten, "um den gordischen Knoten der Selbstzerfleischung" des zerstrittenen Kreisverbandes zu durchschlagen.In der SPD spricht man allerdings davon, Momper versuche seit geraumer Zeit, in den verschiedenen Bezirken einen aussichtsreichen Listenplatz zu bekommen.Momper, der zuletzt in Neukölln angetreten war, weist das zurück und freut sich, daß ihn "neun von 20 Abteilungen der Reinickendorfer SPD unterstützen".

Erbost reagierte Reinhard Roß, der von Momper in einem kurzen Telefonat am Vortage über die Pläne informiert worden war."Momper hat seit Wochen hinter meinem Rücken Kungelgespräche mit der orthodoxen Linken geführt.Die Partei kann sich derartige Machenschaften nicht bieten lassen", so Roß.Zudem vermutet er einen "Racheakt" von Gaudszun, den Roß vor dreieinhalb Jahren als Kreisvorsitzenden ablöste.Die Aktion von Momper sei "ein "dicker Hund" und "mit der heißen Nadel gestrickt".Roß kündigte an, sich bei der Nominierung im Frühjahr gegen Momper zur Wehr zu setzen.Roß zeigte sich auch "menschlich enttäuscht", da er als Landesgeschäftsführer und "alter Fahrensmann" Anfang der 90er Jahre dem damaligen Parteichef Momper stets den Rücken gestärkt habe.In der Auseinandersetzung gehe es aber um mehr als nur um ein Abgeordnetenhaus-Mandat.Konkrete Belege, neue Mehrheiten in Reinickendorf sollten dazu dienen, auf dem nächsten Parteitag den Landesvorsitzenden Dzembritzki zu stürzen und durch Senator Peter Strieder zu ersetzen, gebe es laut Roß derzeit aber nicht.Strieder, der sich aus der Urwahl-Debatte auffällig zurückhält, hatte signalisiert, bei entsprechenden Mehrheiten den Landesvorsitz übernehmen zu wollen.

Der parteiintern umstrittene SPD-Landeschef und MdB Detlef Dzembritzki sagte gegenüber dem Tagesspiegel, er sei "überrascht und fassungslos" über Mompers Ankündigungen.Ob der Versuch, im einflußreichen Reinickendorfer Bezirk neue linke Mehrheiten zusammenzubekommen, eine direkte Attacke gegen ihn sei, wollte Dzembritzki nicht bestätigen: "Das weiß ich nicht".Momper habe allerdings eine "taktische Variante" mit der Folge vorgelegt, daß die "Konflikte eskalieren".Und das ohne Not, da man sich im Vorfeld der Urwahl darauf verständigt hatte, Momper in jedem Fall mit einem sicheren Platz für die Abgeordnetenhauswahl zu versorgen.Böger sagte: "Ich habe für Spaltungsversuche und Streitigkeiten dieser Art kein Verständnis.Die angezettelte Auseinandersetzung schadet der Berliner SPD und damit den Wahlchancen."

KOMMENTAR: Taktische Unfähigkeit

Wie töricht muß sich eine Partei anstellen, um sich um gute Wahlchancen zu bringen? Die Berliner SPD, im aktuellen Fall Walter Momper und seine Truppe, liefert auf der breiten Bühne ihrer Urwahl ein Gesellenstück in taktischer Unfähigkeit ab.Natürlich geht es in Reinickendorf nicht allein um einen Listenplatz.Man darf vermuten: Im Norden sollen die Weichen für die Stärkung der Parteilinken und die Absetzung des Parteichefs und Böger-Freundes Detlef Dzembritzki gestellt werden.Derlei Machtspiele sind zwar legitim, sechs Tage vor der bislang halbwegs friedlichen Urwahl aber nur deplaziert.Von ihren mittlerweile professionellen Vorturnern in Bonn und deren Mechanismen der Konfliktbewältigung haben die Berliner Sozialdemokraten nichts gelernt.Notorisch zerstritten wie die Genossen hierzulande nun einmal sind, war es wohl eine Frage der Zeit, bis die dünn aufgetragene Schminke der Harmonie zerläuft.Die 23,6-Prozent-Partei ist auf dem besten Weg, ihren mühsam erarbeiteten Kredit wieder zu verspielen und das zu bleiben, was sie ist: ein Juniorpartner.Und Eberhard Diepgen? Der kann so viele Plakate gar nicht kleben, wie ihm die SPD als Wahlkampfhilfe liefert - bevor die Auseinandersetzung überhaupt begonnen hat. AX

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