Selbsthilfe-Werkstatt : Gemeinsam tüfteln im Repair Café

Die Kaffeemaschine defekt, die Lederjacke zerrissen: In immer mehr Städten in ganz Europa treffen sich Hobbyhandwerker in Repair Cafés, um gemeinsam kaputten Hausrat zu reparieren. Das schont Umwelt und Geldbeutel.

Steffi Sandkaulen
Im Repair Café in Berlin können Besucher im Atelier von Elisa Garrote Gasch ihren kaputten Hausrat reparieren.
Einmal im Monat hängt Elisa Garrote Gasch einen Zettel an ihr Klingelschild. Wer etwas zu reparieren hat, bekommt in ihrem Atelier...Foto: Thilo Rückeis

Zwei Drähte hängen aus einer geöffneten Espressomaschine. Darüber beugt sich Stefanie Näpel und betrachtet das Innenleben. Die Drähte hat sie kurz zuvor an die Heizspirale der Maschine geklemmt. Techniker Mike Tempel schaut prüfend auf das Messgerät, an dem die Drähte zusammenlaufen. „Der Widerstand ist zu gering, das Element ist kaputt“, sagt er.

Es ist eine Liaison auf Zeit. Die beiden haben sich im Repair Café in Kreuzberg getroffen. Sie hat ein Problem, er kann’s lösen. Gemeinsam tüfteln sie an Näpels Kaffeemaschine, die mal 250 Euro gekostet hat. Zu teuer, um sie einfach zu entsorgen. Das ist das Prinzip der Initiative Repair Café, die einst in den Niederlanden startete und mittlerweile etliche Ableger in Europa hat. In Berlin lädt nun die Künstlerin Elisa Garrote Gasch einmal im Monat in ihr Atelier in der Alexandrinenstraße ein. Neben Stefanie Näpel sind an diesem Sonntag rund 25 weitere Leute gekommen.

Bei Kaffee und Kuchen wird munter am kaputten Hausrat geschraubt. Zwei Techniker kümmern sich ehrenamtlich um defekte Wasserkocher und Kopfhörer, eine Modedesignerin hilft dabei, löchrige Jeans zu flicken. Die ganze Arbeit alleine erledigen sollen sie aber nicht. „Wir wollen Hilfe zur Selbsthilfe geben“, sagt Garrotte Gasch, die auch in ihrer Kunst auf recycelte Materialien setzt.

Gemeinsam schrauben im Repair Café
Elisa Garrote Gasch hilft Marina Wandtke und Viola Wagner aus Spandau bei der Reparatur des Verstärkers.
Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Thilo Rückeis
22.03.2013 16:38Elisa Garrote Gasch hilft Marina Wandtke und Viola Wagner aus Spandau bei der Reparatur des Verstärkers.

Hilfe wird hier dringend gebraucht: Die Laien wirken bei den technischen Herausforderungen noch schüchtern und ungelenk. Stefanie Näpel versichert sich bei ihrem Techniker mehrmals, ob sie die Strommessleitungen an die richtigen Stellen geklemmt hat. Mike Tempel erklärt geduldig. „Ich mag es, Gespräche zu führen, Leute zu treffen und dabei Dinge zu reparieren“, sagt der Fachmann. Seine Diagnose: Die Heizspirale muss ausgetauscht werden. Bevor es weitergehen kann, muss Stefanie Näpel ein Ersatzteil im Elektronikmarkt besorgen. „Es kommt vor, dass die Leute zwei Mal kommen müssen“, sagt Elisa Garrote Gasch. Die ehrenamtlichen Experten brächten zwar Ersatzteile zum Termin mit, wenn ein spezielles Teil benötigt wird, übersteigt das jedoch die Kapazitäten.

Wie im Fall von Helmut Matutat. Der 65-Jährige ist ins Repair Café gekommen, weil ihm das Konzept der Nachbarschaftshilfe gefallen hat. Zwar weiß er nicht, wie er seine Lederjacke flicken soll, dafür kann er Ratschläge geben, wie man sich durch den Blätterwald einer öffentlichen Behörde kämpft – schließlich hat er 40 Jahre dort gearbeitet. Nicht gerade ein klassischer Fall einer Reparatur, aber dennoch gern gesehen. Dafür will der Rentner seine Lederjacke gern in einem Stück wieder mitnehmen. „Wenn man an einer Sache hängt, ist es wichtig, dass man es repariert“, sagt Matutat. Diesmal aber hat er kein Glück. Für die Jacke, die an den Schultern kaputt ist, hat die Modedesignerin keine passenden Flicken dabei.

Weil solche Geschichten sich häufen, empfiehlt die Initiatorin, mehrere Gegenstände mitzubringen. „So steigen die Chancen, ein erfolgreich repariertes Teil mit nach Hause zu nehmen“, sagt sie.

Die Spandauerinnen Viola Wagner und Marina Wandtke sind schon zum zweiten Mal mit dabei. Nachdem sie vor einem Monat einen Festplattenrekorder erfolgreich reparieren konnten, hoffen die beiden nun, dass auch ihr kaputter Verstärker aus den 80er Jahren mit ein paar Handgriffen wieder zu neuem Leben erweckt werden kann. „Man hat ja nicht das Geld, um die Dinge ständig zu ersetzen“, sagt Marina Wandtke. Zudem glaubt die 55-Jährige an die geplante Obsoleszenz: Dass die Industrie die Haltbarkeit von Produkten steuert. Davon will sie sich nicht übers Ohr hauen lassen. „Es ist schlimm, dass so viel Müll anfällt“, sagt Wandtke. „Wir müssen mit den Ressourcen schonender umgehen.“ Und so stochern beide kurze Zeit später in den endlosen Drähten des offenen Verstärkers herum, auf der Suche nach dem Fehler.

Elisa Garrote Gasch kommt den Frauen zu Hilfe. Sie selbst hat auch ein Gerät, das vor kurzem seinen Dienst versagt hat: Ihr I-Pod funktioniert nicht mehr. Dafür aber wird die 35-Jährige heute kaum noch Zeit haben.

Das nächste Repair Café findet am Montag im Atelier von Elisa Garrote Gasch in der Alexandrinenstraße 4 (Hinterhaus), Kreuzberg, in der Zeit von 16–20 Uhr statt. Eintritt frei, Spenden erwünscht. Anmeldung (mit Angabe des zu reparierenden Gegenstands) unter repaircafe@kunst-stoffe-berlin.de.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben