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Selbstjustiz an Sexualstraftäter : Denn sie wussten, was er tut

23.01.2013 12:50 Uhrvon , und
Am Rande der Stadt. Die Jugendlichen vom Falkenhagener Feld in Spandau treffen sich oft nachmittags auf dem Parkdeck.Bild vergrößern
Am Rande der Stadt. Die Jugendlichen vom Falkenhagener Feld in Spandau treffen sich oft nachmittags auf dem Parkdeck. - Foto: Georg Moritz

Ein 15-Jähriger tötet einen verurteilten Pädophilen. Mitten in einer Berliner Hochhaussiedlung. Nachbarn, Polizei und Justiz kannten die Neigung des Mannes. Was musste passieren, damit ein Junge zum Mörder wird?

Er war in Sorge, denn der Junge schien endgültig abzustürzen. John, 15 Jahre alt, trank wieder. Er kam nicht mehr ins Jugendhaus, zog sich zurück. Als ein Kollege ihn zusammengekauert unter einer Treppe im Parkhaus liegen sah, entschloss sich Hans Gebler* zu handeln. Der Sozialarbeiter wählte die Nummer des Jugendamts. Er sagte: „Dem Jungen geht es sehr schlecht.“ Es war ein Hilferuf, doch er kam zu spät. Denn da hatte John S., ein zierlicher Junge von 1,63, sich vermutlich schon entschlossen, seinen Nachbarn zu töten.

Nur einen Tag später, es ist ein Donnerstagnachmittag Anfang November, finden Anwohner den 55-jährigen Harry H.

vor seinem Haus in Berlin-Spandau. Blutüberströmt liegt er, ein verurteilter Sexualstraftäter, auf der Straße Am Kiesteich. Mehrere Messerstiche in den Oberkörper haben ihn getötet. Die Polizei nimmt John S. wenig später im Treppenhaus des Hochhauses fest. Er soll Harry H. in dessen Wohnung erstochen haben, schwer verletzt ist der Mann noch nach draußen geflüchtet, wo er zusammenbrach. John S. hat gestanden, der Junge sitzt in einem Berliner Jugendgefängnis in Untersuchungshaft. Im schlimmsten Fall drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Noch in dieser Woche will die Berliner Staatsanwaltschaft Anklage erheben – wegen Mordes. „Das war Selbstjustiz“, sagt ein Ermittler.

Gebler und seine Kollegen haben die Tragödie nicht kommen sehen, die Harry H. das Leben und dem 15-Jährigen die Zukunft genommen hat. Der Sozialarbeiter mit dem vollen grauen Bart, etwa Ende 50, spricht mit ruhiger Stimme über die Jugendlichen vom Falkenhagener Feld. Das klingt so schön nach Wiese und Blumen und ist doch das Gegenteil: eine Großsiedlung aus hohen Betonbauten. Tausende Apartments, in denen rund 38 000 Menschen leben, am Rande der Stadt – und der Armut. Gebler kannte John seit fünf Jahren, seit der zum ersten Mal an einem Medienprojekt teilnahm, das der Sozialarbeiter im Jugendhaus anbietet.

Der Junge und sein späteres Opfer waren nicht nur Nachbarn, sie kannten sich sogar gut. Wenn Johns Geständnis stimmt, dann hat Harry H. seinen jugendlichen Nachbarn und dessen Freunde sexuell belästigt. Deshalb will John wieder und wieder auf ihn eingestochen haben. „Wenn die Justiz nichts macht, muss ich selbst ran“, soll der Jugendliche in seiner Vernehmung erklärt haben.

Ein 15-Jähriger tötet einen 55-Jährigen. Ein polizeibekannter Kinderschänder stirbt durch die Hand eines Jugendlichen. Es gibt Nachbarn, die offenbar von Harry H.s Neigung wussten, Eltern, denen John S. keine Aufmerksamkeit wert war, und einen Sozialarbeiter, dem sein Schützling langsam entglitt. Was muss passieren, damit ein Jugendlicher zum Mörder wird?

Die Wohnung von Harry H. liegt in einer Plattenbausiedlung. Sein Apartment war die Nummer 54, eine Parterrewohnung in einem elfstöckigen Hochhaus, am Ende eines schäbigen Flures mit beschmierten Wänden und zerstörten Briefkästen. Wenige Tage nach der Tat dringt durch den herausgebrochenen Spion ein muffiger Geruch in den Flur. Die Wohnung, die durch das kleine Loch zu sehen ist, sieht nicht gerade nach einem geborgenen Zuhause aus. Und doch scheint sie John S. und anderen Jugendlichen etwas gegeben zu haben, das sie in ihrer eigenen Familie nicht finden konnten.

„Ein- und ausgegangen“ seien die Jungen bei Harry H., sagt ein Ermittler. Sie spielten dort an einer Playstation, bekamen Alkohol und Zigaretten, „sie durften alles“. Bei John hätten vor allem Bier und Schnaps als Lockmittel gewirkt. Der Junge, der viel Wert auf sein Aussehen legte, sich die die Haare gelte und gern Parfum benutzte, konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit klingeln, war immer willkommen.

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