Berlin : „Selbstmitleid ist langweilig“

Ein Programm soll Langzeitarbeitslose wieder für den Arbeitsmarkt motivieren. Die Methode kommt aus der Management-Beratung

Ingrid Müller

Optimismus sieht anders aus. Stumm, mit verschränkten Armen und sehr skeptischen Blicken sitzen knapp 50 Langzeitarbeitslose aus Berlin-Lichtenberg an diesem heißen Sommermorgen in der 5. Etage des Bürohochhauses in Mitte. „Das ist Ihr Tag“, verkündet der schlaksige Mann mit kahlrasiertem Schädel und einem Gesicht, das ein einziges Lächeln ist. Die Runde guckt ihn an wie ein einziges großes Fragezeichen. Keiner von ihnen will Christoph Gormanns glauben, dass es heute darum gehen soll, welche Wünsche und Vorstellungen sie selbst für ihre Zukunft haben.

Für sie interessiert sich doch ohnehin niemand, glauben die Frauen und Männer zwischen 25 und 50. Die meisten von ihnen haben schon länger als zwei Jahre keinen Job mehr, für viele sind sie der Ausschuss der Gesellschaft. Und nun erzählt ihnen dieser Mann – mit seinem bergischen Singsang – in jedem von ihnen stecke ein kleiner Klinsmann. Und den will er bis nachmittags um fünf mit einer „abgefahrenen“ amerikanischen Methode in ihnen aufstöbern. „Und was soll uns das bringen?“, fasst sich endlich einer ein Herz und erntet für die Frage verstohlen Beifall der anderen. Gormanns bleibt bei seinem Kampflächeln: „Auch das können Sie heute herausfinden.“

Nicht mit einer Faser lässt sich Gormanns anmerken, dass er hier Neuland beschreitet. Denn die Methode mit Namen Open Space wird sonst in Firmen eingesetzt, die Ideen von Mitarbeitern haben wollen. Salopp gesagt, wird das Kaffeetrinken zur Methode erhoben. Die Idee geht auf einen Amerikaner zurück, der bei UN-Konferenzen festgestellt hat, dass die ergiebigsten Gespräche in den Pausen geführt werden, wenn es keine Tagesordnung gibt und die Leute über die Dinge reden, die sie wichtig finden.

Dieses Modell für Manager will der Niederlassungsleiter des Personaldienstleisters Contact nun mit Arbeitslosen ausprobieren. „Die Grenzen der üblichen Methoden sehen wir doch jeden Tag“, begründet Carsten Qweitzsch den Vorstoß. „Warum nicht mal etwas Neues ausprobieren, um die Arbeitslosen aus Ihrer Lethargie herauszuholen?“ Seine Erfahrung als Vermittler im Auftrag von Jobcentern: Mit Druck erreicht man bei Langzeitarbeitslosen nichts. Und selbst mit auf dem Silbertablett gemachten Angeboten – so es sie denn gibt – kommt er an seine derzeit rund 1400 Arbeitslosen aus Lichtenberg allzu oft nicht heran.

Sein Gedanke: „Die Leute müssen die Idee zu ihrer eigenen machen.“ Und so lud die GmbH zusammen mit context aus Neukölln und Nestor aus Blankenburg zum Open Space. Jeder der Teilnehmer kann dabei ein Thema vorschlagen, über das er reden will, das wird an die Wand gepinnt, und es können sich andere Interessierte dazugesellen. Wer sich keiner Gruppe anschließen will, kann als Schmetterling zwischen den Runden hin- und herfliegen oder als Hummel Ideen von einer Runde in die nächste tragen oder auch nur Kaffee trinken.

Doch wie äußere ich Wünsche? Ziemlich zäh kommen die ersten Themenideen. „50er, uns will keiner mehr“. „Sinn und Unsinn von Umschulungen und Weiterbildungen“ oder „Der sterbende Kapitalmarkt – die Zusammenhänge zwischen Karl Marx und Hartz IV“ landen schließlich an der Pinnwand. Dann wird in den Gruppen kräftig Frust abgeladen. Der untersetzte Mittvierziger schimpft auf der Terrasse darüber, dass er mit 42 noch zum Rechtsanwalts- und Notargehilfen ausgebildet wurde, aber hinterher nicht ein Angebot kam – es den 20-Jährigen in dem Kurs aber auch nicht besser ging.

Andere haben das Gefühl, sie bekämen keine Umschulung, dafür würden andere, die gar nicht wollten, in Maßnahmen gezwungen. Bei den „50ern“ sind sie der Meinung „Fördern findet bei der Arbeitsagentur nicht statt, nur schikanieren. Wenn sie nichts für uns haben, sollen sie uns in Ruhe lassen.“

Dann schießen sie sich auf die Veranstaltung ein. „Das ist ja hier wie bei Scientology – und wir müssen jetzt auch noch die Arbeit von denen machen, die uns helfen sollen.“ Als Gormanns in der Runde vorbeischaut, wird es ganz still, als wenn der Lehrer in die Klasse gekommen wäre, die gerade was ausgefressen hat.

Doch irgendwann ist der Boden der Unzufriedenheit erreicht. Wohin nun mit all dem Ärger? Die ersten Tipps schwirren durch den Raum. Wie weise ich dem Arbeitsamt nach, dass ich mich beworben habe? Wie kann ich mich als Hartz-IV-Empfänger von der Rundfunkgebühr befreien lassen? In einer Gruppe keimt eine kleine Hoffnung: Einer, der sich als Medienmanager vorstellt, hat eine Geschäftsidee, die er nicht alleine auf die Beine stellen kann – mit ihm wollen die Berater nun Wege überlegen, wie er einen Kompagnon finden könnte.

Am Nachmittag müssen sich die Berater der drei Dienstleister einiges anhören. Viele ihrer Kunden sitzen seit Jahren mit dem eigenen Frust zu Hause. Die kurzen Gespräche mit den so genannten Fallmanagern des Jobcenters einmal im Monat sind oft der einzige Kontakt zur Arbeitswelt, den sie haben. Die Arbeitsagentur, das Jobcenter, den Dienstleister erleben sie vor allem als Institutionen die Druck machen, die ihnen von dem bisschen, was sie noch haben, auch noch etwas streichen wollen.

Am Ende des Tages, als sie alle wieder zusammenkommen, schwitzen bei 33 Grad noch 30 der 48 Arbeitslosen und reden lebhaft durcheinander. Christoph Gormanns hat Mühe, Ruhe in die Runde zu kriegen. Die Kurzhaarige im Blumenkleidchen, die in der Frühe Karl Marx diskutieren wollte, spricht aus, was viele denken. „ Mein Thema war immer Selbstmitleid. Das war langweilig. Und das war heute nicht so. Es war toll, dass viele so frech waren.“ Will heißen, sie haben mal gesagt, was sie denken. Der Mann mit Weste und Pferdeschwanz ist froh, dass er „endlich mal aus meinem Trott rausgekommen“ ist und andere Leute getroffen hat. Das war ein „moralischer Uplift“. Aber nicht alle sind zufrieden. Der Mittfünfzigerin mit den kurzen grauen Haaren war es viel zu unkonkret, sie hatte sich Einzelberatung erhofft.

Carsten Qweitzsch und seine Mitstreiter sind trotzdem zufrieden. Aus ihrer Sicht hat sich ihr Wagnis gelohnt. Heute ist zwar kein Arbeitsplatz vermittelt worden, aber es hat sich etwas bewegt. „Die Leute haben heute Lebensfreude gespürt. Darauf können wir jetzt aufbauen“, hofft Qweitzsch. In den nächsten Wochen soll es weitergehen, dann mit konkreteren Themen. Qweitzsch hofft noch auf einen anderen Effekt: Dass sich die, die sich kennen gelernt haben, künftig auch ohne Anstoß von außen treffen und dann miteinander Ideen entwickeln und nicht nur warten, bis das Jobcenter sich bei ihnen meldet.

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