Berlin : Selbstmord in den Medien: Der verstörende Augenblick

Ingo Bach

Es kann jedem passieren, jeden Tag. Und die Fahrer der Berliner U-Bahn wissen das genau, aber keiner von ihnen ist wirklich darauf vorbereitet: auf den tödlichen Sprung eines Lebensmüden vor ihren Zug. Es passiert immer kurz vor der Einfahrt in den U-Bahnhof. Vielleicht sieht der Fahrer aus den Augenwinkeln noch, dass der Selbstmörder Anlauf genommen hat, bevor plötzlich ein Schatten vor dem Fahrerfenster auftaucht. "Am meisten verstört die Fahrer, dass die Selbstmörder direkten Kontakt zu ihnen suchen, ihnen im Sprung in die Augen schauen", sagt Doris Denis; sie ist Psychologin an der Freien Universität und betreut die betroffenen Fahrer.

Allein im noch nicht abgelaufenen Jahr 2000 sprangen in Berlin 21 Lebensmüde vor einen Zug. Es sind nur wenige Sekunden, doch sie verändern das Leben des BVG-Fahrers völlig: der Schreck, der vergebliche Bremsversuch und dann das Geräusch beim Überrollen des Körpers. Wahrscheinlich denken die Selbstmörder in diesem Augenblick an alles Mögliche, nur nicht daran, was sie dem Fahrer damit antun. "Dieser zahlt ein Leben lang den Preis dafür", sagt Doris Denis.

Die Art und Weise, wie die Fahrer damit fertig zu werden versuchen, ist unterschiedlich. Manche laufen zunächst stumm und fassungslos über den Bahnsteig. Andere schreien ihre Wut heraus: "Ich hätte den noch gewürgt, wenn er überlebt hätte." Robustere Naturen flüchten sich in Zynismus: "Ich habe ein anderes Verhältnis dazu", erzählte einer der Psychologin. "Ich bin gelernter Schlachter, das macht mir nichts aus." Viele aber quälen Schuldgefühle. "Ich habe jemanden umgebracht." Die langfristigen Wirkungen sind schwerwiegender. Die letzten Sekunden im Leben des Selbstmörders brennen sich den Fahrern meist unauslöschlich ins Hirn. Da reicht dann der Anblick des Fahrerhauses oder der Geruch des Bahnsteiges, um die Erinnerung wieder und wieder hochzupeitschen. Sie sehen die Augen des Selbstmörders oder hören den Aufprall des Körpers. "Bei jedem dieser Flashbacks kommen die Angst und der Schock in fast unveränderter Intensität wieder hoch", sagt die Psychologin. Kein Wunder, dass die meisten Fahrer diesem Druck auf Dauer nicht standhalten. "Irgendwann haben sie das Gefühl, verrückt zu werden." Nach einem solchen Extremerlebnis wäre eine andere Reaktion auch unnatürlich, betont die Psychologin. Doch viele der Betroffenen machen das mit sich aus, nur jeder sechste sucht die auf diese Fälle spezialisierte Traumasprechstunde der FU auf.

Auch wenn es inzwischen einige Fahrerinnen gibt, so ist dieser Beruf noch immer eine Domäne, in der männliche Spielregeln gelten. Schwäche zeigt man da nicht, selbst dann nicht, wenn einen die Kollegen mit dem Spruch hänseln: "Da kommt der Totmacher." Und schon gar nicht sucht man Hilfe bei einem "Seelenklempner". Hinzu tritt die Angst, bei Personalabbau als erster entlassen zu werden, wenn man nicht mehr die Kraft hat, eine U-Bahn zu fahren.

Seit 1997 wurden nur vier Fahrer nach einem solchen Erlebnis auf eigenen Wunsch innerhalb der BVG versetzt, sagt die BVG-Pressesprecherin Barbara Mansfield - von insgesamt über 100, die es "erwischt" hat. "Wir zwingen niemanden, weiterzufahren, wenn er das nicht mehr kann." Und das deswegen jemand entlassen werden könnte, sei "blanker Quatsch - wir bestrafen doch unsere Fahrer nicht auch noch nach so einem Erlebnis!"

Doris Denis betont, dass die Beschwerden heilbar sind. "Manchmal reichen acht Sitzungen, bei anderen braucht es eine langfristige Therapie und manchmal auch Medikamente." Kernstück der Therapie sei es, über das Erlebte zu sprechen und zu helfen, es zu verarbeiten. Manchmal fährt Denis auch im Führerstand mit, um dem Fahrer Sicherheit zu geben.

Auch sie schüttelt den Kopf über das, was ihren Klienten angetan wurde. "In Skandinavien gilt es nicht umsonst als schwere Körperverletzung, wenn man vor einen Zug springt - als schwere Körperverletzung gegenüber dem Fahrer."

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