Berlin : Selbstmordversuch am Morgen des Prozessbeginns

Mutmaßlicher Brandstifter und Vergewaltiger schnitt sich in der Haftanstalt die Adern auf. Er ist außer Lebensgefahr

Marc Neller

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann unter anderem Brandstiftung, schweren Raub und Vergewaltigung vor: Die Zeugen, darunter eines der Opfer, waren pünktlich im Saal 820 des Moabiter Gerichts erschienen. Um neun Uhr sollte vor der 17. Kammer des Landgerichts der Prozess gegen den 51-jährigen Josef Platz (Name geändert) beginnen. Dazu kam es aber nicht: Am frühen Morgen hatte Platz versucht, sich das Leben zu nehmen.

Es war gegen 6 Uhr 25, als eine Vollzugsbeamtin der Haftanstalt Moabit routinemäßig die Einzelzelle von Platz aufschloss – und den Mann stark blutend vorfand. Er wurde mit dem Notarztwagen ins Virchow-Klinikum eingeliefert und dort medizinisch versorgt. Noch im Verlauf des Vormittags wurde Platz ins Krankenhaus der Berliner Vollzugsanstalten verlegt. Nach Angaben des Vorsitzenden Richters der 17. Strafkammer schwebte er bereits am späten Morgen nicht mehr in Lebensgefahr. Die Justizverwaltung des Senats bestätigte zwar den Vorfall, lehnte es aber ab, sich näher zu den Umständen zu äußern. Josef Platz sei nach seiner Einlieferung „nicht als suizidgefährdet eingestuft worden“, sagte eine Sprecherin der Justizverwaltung.

Nach Tagesspiegel-Informationen schnitt sich Platz einen Unterarm mit einem scharfkantigen Metallgegenstand auf. Unklar bleibt vorerst, wie er an diesen Gegenstand kam – und auch, wie lange er schon verletzt in seiner Zelle lag, bevor er gefunden wurde. Seit dem 6. August sitzt der Mann in Moabit in Untersuchungshaft.

Wie in unserer gestrigen Ausgabe (Seite 3) berichtet, wirft die Staatsanwaltschaft Platz vor, in der Nacht auf den 29. Juli dieses Jahres eine Gaststätte im brandenburgischen Mahlow niedergebrannt zu haben und noch in derselben Nacht, während die Feuerwehr den Brand zu löschen versuchte, in das Haus der Wirtin eingebrochen zu sein – zum zweiten Mal innerhalb von vier Tagen. Er soll dabei Schmuck, einen Computer und anschließend ihr Auto mitgenommen haben. Am 2. August 2005, wenige Tage nach dem Brand, soll Platz in Berlin in ein Haus eingebrochen sein und dabei ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt haben. Beide Fälle werden nun in einem Prozess verhandelt. Das Gericht hat zunächst vier Verhandlungstage angesetzt.

Sollten die Richter Josef Platz schuldig sprechen, droht ihm Sicherungsverwahrung, denn er ist bereits einschlägig vorbestraft. Vor zehn Jahren hatte er die Wirtin des Mahlower Cafés vergewaltigt und dafür acht Jahre im Gefängnis gesessen. Die Staatsanwaltschaft Potsdam, die zunächst die Ermittlungen im Fall der Brandstiftung führte, ging deshalb von einem Racheakt aus. Zudem gab der Vorsitzende Richter gestern bekannt, dass Platz die neuerliche Vergewaltigung kürzlich gestanden habe, was dessen Anwalt bestätigte. Weitere Angaben vor Prozessbeginn lehnt der Verteidiger ab.

Auf den weiteren Verlauf des Prozesses hat der Selbstmordversuch seines Klienten laut Gericht kaum Auswirkungen: Das Verfahren soll nun am morgigen Donnerstag eröffnet werden.

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