Selbstversuch : Lokaltermin im Bezirk der Ekel-Listen

Pankows Verbraucherschutz-Stadtrat Jens-Holger Kirchner geht furchtlos im eigenen Bezirk essen – obwohl ihm mancher Gastwirt böse ist. Besonders die, die der Grünen-Politiker auf die Ekel-Liste im Internet setzen ließ.

Nana Heymann
Ekel-Liste Jens-Holger Kirchner
Fingerzeig. Stadtrat Kirchner (l.) beim Lokaltermin in Prenzlauer Berg. Wirt Torsten Just hat allerdings nichts zu befürchten:...Foto: Uwe Steinert

Das Lächeln zur Begrüßung wirkt bemüht, und doch versucht Antje Konrad freundlich zu sein, als sie Jens-Holger Kirchner die Hand gibt. Ein paar nette Worte zu Beginn des Treffens, ein bisschen Smalltalk, dann platzt es aus ihr heraus. Ein gewisser Groll sei da, sagt sie, und schon entwickelt sich ein angeregtes Gespräch zwischen beiden.

Antje Konrad ist Geschäftsführerin des „Maccharoni“ am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg. Das Café mit dem rustikalen Charme ist eine jener gastronomischen Einrichtungen, die Verbraucherschutz-Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) Anfang des Monats auf der so genannten Negativliste des Bezirksamts Pankow im Internet veröffentlichte. Auf dieser Liste stehen Betriebe, die bei der Kontrolle durch das Lebensmittelaufsichtsamt Mängel aufgewiesen haben. Zwar ist das Maccharoni inzwischen wieder von der Liste gestrichen worden, weil es die Beanstandungen sofort beseitigt hat. Der Imageschaden macht den Betreibern jedoch zu schaffen.

„Ja, es gab Mängel“, sagt Antje Konrad, „das will ich auch gar nicht bestreiten“. Aber diese seien ihrer Meinung nach relativ harmlos im Vergleich zu den Vergehen, die andere Läden begangen hätten. Die Kontrolleure beklagten im Maccharoni unter anderem fehlenden Wandputz hinterm Tresen, Fliesenschäden und den Verschleiß von Einrichtungsgegenständen. „Trotzdem ist man gleich in einen Topf geworfen worden mit Läden, die Geflügel auf dem Hinterhof lagern.“ Unmittelbar nach Veröffentlichung der Restaurants im Internet sei der Umsatz um 80 Prozent eingebrochen. An manchen Tagen hätten die Einnahmen nicht mal gereicht, um das Personal zu bezahlen.

Während Antje Konrad hinterm Tresen steht und erzählt, hört Jens-Holger Kirchner aufmerksam zu. Er wirkt verständnisvoll. Dann sagt er mit ruhiger Stimme: „Ich kann den Unmut nachvollziehen, denn im Vergleich zu anderen ist dieser Laden wirklich harmlos. Trotzdem müssen die Kontrolleure pingelig sein, das ist ihr Job.“ Knapp zwei Jahre lang sei das Maccharoni immer wieder auf Fehler hingewiesen worden. Dass diese nun endlich behoben worden sind, sei der Liste zu verdanken.

Insgesamt 7000 gastronomische Einrichtungen gibt es in Pankow, darunter Kita-Küchen und Catering-Unternehmen. 39 dieser Betriebe hat das Bezirksamt Anfang März auf seiner Negativliste erfasst. Anderthalb Wochen nach der Veröffentlichung im Internet konnten drei Läden wieder von der Liste genommen werden, weil sie die beanstandeten Mängel beseitigt haben; ein weiterer Betrieb wurde aus rechtlichen Gründen gestrichen, weil gegen die Betreiber ein Bußgeldverfahren eingeleitet wurde. „Jeder der betroffenen Betriebe kann sich zur Nachkontrolle an das Lebensmittelaufsichtsamt wenden“, sagt Verbraucher-Stadtrat Kirchner. Sollten die Kontrolleure – in Pankow gibt es zwölf – keine weiteren Beanstandungen haben, wird der Name von der Internetseite wieder entfernt.

Parallel zur Negativliste hat das Bezirksamt ein Gütesiegel für gastronomische Einrichtungen eingeführt, die bei Lebensmittelkontrollen überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben. Ein Smiley im Eingangsbereich eines Ladens signalisiert, dass an diesem Ort vorbildlich gearbeitet wird. Um sich für einen Smiley zu bewerben, müssen die Betreiber nach einer eingehenden Prüfung eine Vereinbarung mit dem Bezirksamt Pankow unterschreiben.

Bislang haben fünf Betriebe einen solchen Smiley erhalten. Einer davon ist das Restaurant „Pfefferberg“ auf dem gleichnamigen Gelände an der Schönhauser Allee. Wenn es die Zeit erlaubt, kommt Bezirksstadtrat Jens-Holger Kirchner gerne zum Mittagessen hierher, „das ist eins meiner bevorzugten Lokale“. Dass Betreiber Torsten Just nun einen Smiley an die Tür kleben konnte, freut ihn umso mehr.

Torsten Just legt in seinem minimalistisch-modern eingerichteten Restaurant viel Wert auf die Einhaltung hygienischer Standards. „Wir sind ein Ausbildungsbetrieb, der Standards bei den Azubis setzen kann“, sagt er. Die Einführung der Negativliste und des Smileys begrüßt er, „denn hier in der Gegend sieht es streckenweise ganz schön schief aus“. Wie zum Beweis dafür zeigt Kirchner, der Just an einem der weiß eingedeckten Tische gegenüber sitzt, auf ein Herpesbläschen an seiner Unterlippe. „Umsonst habe ich das nicht bekommen“, sagt er.

Torsten Just würde sogar befürworten, das neue Pankower Bewertungssystem deutschlandweit zu übernehmen. „Jeder darf hier eine gastronomische Einrichtung eröffnen, ohne speziellen Sachkundenachweis.“ Einen solchen Nachweis würde sich auch Jens-Holger Kirchner wünschen, „dann müssten wir nicht ständig Volkshochschule spielen.“ Bislang haben sich 80 Betriebe um ein Smiley beworben, die Prüfungen durch das Lebensmittelaufsichtsamt laufen.

Antje Konrad vom Maccharoni wird einen solchen Aufkleber nie am Eingang ihre Cafés anbringen können. „Wir würden die Bedingungen dafür nicht erfüllen wegen der baulichen Gegebenheiten.“ Ein Teil des Lager- und Umkleidebereichs ist zum Beispiel nur über den Hof zu erreichen. Um das zu ändern, wären Aufwand und finanzielle Belastung zu groß. Deshalb gibt sich Konrad vorerst damit zufrieden, dass die Stammkunden dem Maccharoni auch nach den schweren Zeiten Anfang März die Treue halten werden. „Viele sind gekommen und haben das Gespräch mit uns gesucht“, erzählt sie. Am vergangenen Wochenende seien wieder mehr Gäste da gewesen.

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