Senat erforscht Potenziale des Ehrenamts : Jeden Tag noch mehr gute Taten

Die Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement schwankt von Kiez zu Kiez sehr stark. Senat und Bezirke wollen das untersuchen – und Bürger per Online-Plattform zum Mitmachen anregen. Kritik gibt es schon.

Susanne Grautmann
Große Hilfe. Kinder freuen sich über die Aufmerksamkeit von Eltern, Lehrer - und von engagierten freiwilligen Betreuern.
Große Hilfe. Kinder freuen sich über die Aufmerksamkeit von Eltern, Lehrer - und von engagierten freiwilligen Betreuern.Foto: dpa

Das alte Pfadfindermotto scheint im Berlin des Jahres 2014 dringlicher denn je: „Jeden Tag eine gute Tat.“ Angesichts des demografischen Wandels und vor dem Hintergrund knapper öffentlicher Kassen gibt es einen stetig wachsenden Bedarf an bürgerschaftlichem Engagement in allen gesellschaftlichen Bereichen – das haben auch der Senat und die Bezirke erkannt. In einem Papier des Bezirksamts Treptow-Köpenick heißt es sogar, das Bürgerengagement sei nötig, „um Versorgungsstrukturen aufrechtzuerhalten“.

Mehr Bürgerbeteiligung in Berlin – das war das Thema einer Runde im Großen Saal des Roten Rathauses, zu der am Dienstag die Senatsbeauftragte für bürgerschaftliches Engagement, Staatssekretärin Hella Dunger-Löper, und der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel geladen hatten. Sie stellten eine neue Initiative vor, die mehr Menschen zum Mittun anregen soll.

Denn die Verantwortlichen in Senat und Bezirken sind davon überzeugt, dass es in Berlin noch ein großes Potenzial für Bürgerbeteiligung gebe. Viele Bürger seien bereit, sich zu engagieren, scheiterten aber daran, dass sie nicht wüssten, wie sie sich einbringen könnten. Es gebe noch nicht überall eine adäquate Infrastruktur, die die Hilfswilligen mit entsprechenden Angeboten vernetze. So engagieren sich Studien zufolge gerade gut situierte Berliner gern – doch beispielsweise in Schmargendorf ließen sich sicher noch mehr Bürger motivieren, ist Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) überzeugt. Das treffe auch auf Migrantenkieze wie Charlottenburg-Nord zu.

Altglienicker sind zögerlich, Adlershofer sind aktiver

Aus diesem Grund hat der Senat in Kooperation mit den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf, Lichtenberg, Mitte und Treptow-Köpenick jetzt ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Partnern wie dem Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung (zze) aus Freiburg und der Berliner Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung (GIB) sollen die Bedingungen analysiert werden, die vorhanden sein müssen, damit Bürger sich engagieren. Untersucht werden ausgesuchte Ortsteile. In einigen Milieus sei das Engagement nämlich unterdurchschnittlich, in anderen überdurchschnittlich ausgeprägt. Die Projektträger haben zum Beispiel in Treptow-Köpenick mit Adlershof und Altglienicke zwei Ortsteile ausgesucht, die sich hinsichtlich des Engagements stark unterscheiden, wie Ines Schilling, die Bezirkskoordinatorin des Bezirksamts Treptow-Köpenick, bestätigt. Warum beteiligen sich die Bürger in Altglienicke eher zögerlich? Liegt das an den vielen Zuzüglern? Was motiviert so viele Adlershofer, sich zu engagieren – in dem eher alteingesessenen Kiez? Sogenannte Good-Practice-Fälle sollen anderen ein Beispiel sein.

Bis 2015 soll eine innovative Online-Plattform unter dem Dach der Stadtseite „www.berlin.de“ zur Aktivierung und Förderung bürgerschaftlichen Engagements gegründet werden. Zwar gibt es bereits ein Senats-Netzwerkforum für Engagierte in Berlin (s. Kasten). Doch die geplante Plattform soll auch bewirken, dass die Bürger langfristig dabeibleiben. Es gebe die Tendenz, dass der Einsatz mit der Zeit abflache. Das Ziel sei auch mehr Professionalität und Kontinuität. Zur Vermittlung von Freiwilligen an gemeinnützige Organisationen gab es bereits 2012 mehr als 25 Büros; die oft an die Bezirke angebunden sind.

Das sind positive Trends, sagen nun die einen. Die anderen befürchten, dass das Thema Ehrenamt auf der Agenda von Senat und Bezirken gelandet sei, da die öffentliche Hand wegen der knappen Kassen viele staatliche Leistungen delegieren wolle. Um weiter Geld zu sparen. Zuletzt hatte da die Debatte um Kiez-Bibliotheken viele Berliner bewegt. So kritisierte auch eine Teilnehmerin der Innovationsrunde, statt Freiwillige den Job des Staates machen zu lassen, müsse vielmehr die öffentliche Hand eine entsprechende Infrastruktur finanzieren.

Diese Agenturen vermitteln Ehrenamtler

In Berlin engagiert sich fast jeder Dritte bürgerschaftlich. In keinem anderen Bundesland wirken so viele Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 30 Jahren vor allem im Sport, Kita, Schule und Sozialem mit (Zahlen des 2011 vorgestellten Freiwilligensurveys des Senats). 2015 soll die neue Studie erscheinen.

„bürgeraktiv Berlin“ ist das offizielle Bürgerportal des Landes Berlin zu den Themen bürgerschaftliches Engagement, Bürgerbeteiligung und Transparenz. Für gemeinnützig tätige Organisationen und Initiativen ist es eine neutrale Plattform, ihr Angebot öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Die Datenbank mit mehr als 2000 Angeboten: www.berlin.de/buergeraktiv. In Berlin gibt es etwas die Freiwilligenagenturen der Stiftung Gute Tat (Tel. 390 88 222), den Treffpunkt Hilfsbereitschaft (847108790). In Marzahn-Hellersdorf kann man sich an „Aller Ehren wert“ wenden (847108790). In Treptow-Köpenick vermitteln die Sternenfischer (Tel.

24 35 85 75).

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